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Unser Hauskauf auf Sizilien - Plötzlich wollen alle nur noch weg

  • Autorenbild: Anna Gelbert
    Anna Gelbert
  • vor 3 Minuten
  • 5 Min. Lesezeit

 

Wer meine Texte hier gelegentlich liest, weiß: Ich träume von der Rente in Italien. Nachdem ich schon viel von diesem Land kenne, habe ich mich letzten Sommer in ein Städtchen schockverliebt, das knapp 25 000 Einwohner hat, vor barocker Pracht aus allen Nähten platzt und nur zwei Spotify-Songs von den schönsten Stränden entfernt ist. Es ist ein Ort, in dem Dich der Kaffee-Barista ab Tag 2 grüßt, in dem Dir Rita aus dem Sandwichladen ihre Karte zusteckt, falls Du mal einen Gärtner brauchst (Giancarlo, ihren Schwager). Es ist ein Städtchen, das in einem wunderschönen Buch („Noto“ von Adriano Sack) die Hauptrolle spielt, in dem schon für die US-Erfolgsserie White-Lotus gedreht wurde, und, in dem die Tochter von Sting vergangenen Sommer eine XL-Hochzeit feierte. Si!-zilien zu sagen, ist gerade ohnehin im Trend: Dua Lipa hat für ihr Ja-Wort gerade Palermo lahmgelegt, und Aurora Ramazzoti heiratete nahe Catania.


Die Stadt, das Haus und wir


Zusammen mit meinem Partner habe ich gerade ein Haus dort gekauft. 11 Monate und zwei Kurztrips sind seit dem ersten Liebesflash vergangen: Jetzt haben wir die ersten Tage dort verbracht und feiern alles daran. Das Beste: Die Hütte gehört uns. Nicht angezahlt, nicht optioniert, sondern zack, Notar, Unterschrift, Überweisung, Schlüssel! „Was kostet denn sowas?“, wollen alle wissen. Nein, es ist kein 1-Euro-Haus. Einen fünf-, bis sechsstelligen Betrag muss man schon hinlegen, plus Renovierung. Ein Freund hat seins sogar für nur knapp 50 000 gekauft - dafür bekommt man in München noch nicht mal einen Stellplatz. Wir haben zudem einen Spitzenmann vor Ort, der mehrere Airbnbs verwaltet und Handwerksarbeiten macht.

Mein Partner spricht fließend Italienisch. Ich habe nur Pizzeria-Kenntnisse, die ich jetzt auf Osteria-Niveau upgraden möchte: Ich belege den dritten Kurs (bei Francesco) und habe einen Privatlehrer (Massimo), denn mit Englisch kommt man in Noto nicht weit. Außerdem fände ich es respektlos, in ein Land zu ziehen, dessen Sprache ich nicht spreche. Und: Ich challenge mich gerne mal. Wo steht, dass man mit 54 zu alt für eine neue Sprache ist? In meinem Kurs sitzen im Übrigen nur Gen-X-ler: Die einen haben ein Ferienhaus am Comer See, andere einen Lover in Mailand, die dritte Fraktion isst einfach gern Pasta. Übrigens gibt’s (nein, ich bin nicht drin) in meiner Sprachschule auch eine berüchtigte Vino-Gruppe. Die weiß zumindest, was Kater heißt: „Postumi della sbornia“.

Ich hatte nie Interesse an Eigentum als Investment. Ich wollte nie irgendwelche Appartements vermieten. Für ein großes Haus in München fehlt das Kapital und die Begeisterung, und noch 30 Jahre abbezahlen möchte ich nicht. Was, wenn ich alleine auf 130 Quadratmetern sitze, während die Kinder im Ausland studieren? Wenn sie darauf bestehen, dass ich ihre Zimmer für gelegentliche Besuche so belasse, anstatt mir ein Arbeitszimmer zu gestalten? In Sizilien wollen wir mehrmals im Jahr sein - und irgendwann vielleicht ganz hinziehen.

Unser Haus steht auf einer kleinen Piazza und hat gerade mal 100 Quadratmeter. „Vendesi“, dieses Schild werdet Ihr in Noto oft sehen: Franzosen, Amerikaner, Engländer und Deutsche kaufen sich gerade ein, während die Jugend nach Rom oder Palermo geht. In Noto ist jedes Jahr eine spektakuläre Blumenschau, die Infiorata, die vor allem durch Instagram bekannt wurde. Dazu gibt’s regelmäßig theatralische Kirch-Prozessionen.

In der edlen Bar Sicilia treffen sich morgens Männerpaare im Streifenshirt und mit Schoßhündchen, nebenan lesen Signori mit Hut Zeitung, eins weiter versuchen Touristen, sich schnell an diese Mischung aus mondän und morbide anzupassen. Es wird Mandelgranita und Caffe serviert (ein Rührei zum Frühstück sucht man in Noto vergeblich) - und das alles wie in einer Filmkulisse: Gegenüber sind die 36 Stufen der pompösen Kathedrale. Im Jahr 1693 zerstörte ein gigantisches Erdbeben große Teile Ostsiziliens und löste einen Tsunami aus, der 60 000 Menschen tötete. Daraufhin wurde Noto im sizilianischen Barock wieder aufgebaut und unterteilt: Der Adel lebte oben, die Kirche hielt in der Mitte Hof, das Fußvolk war unten. Dort sind wir jetzt.

Noto: Glamourös und gemütlich


Wenn wir durch Noto schlendern, grüßen wir Angelo, den Immobilienmakler, Paolo und Davide, die eins der schönsten Frühstückcafés vor einer der mehr als 30 Kirchen betreiben (in einer ist sogar ein Concept Store). In jeder dritten Straße wird gehämmert, entkernt, gestrichen. Ab und zu, wenn man am Corso Vittorio Emmanuele sitzt (wie soll er sonst heißen?) und in der Bar Roma (wie soll sie sonst heißen?) einen Aperol Spritz schlürft, dann stolziert der Sindaco vorbei, der Bürgermeister in Uniform und mit Föhnfrisur. Er grüßt sicherheitshalber in alle Richtungen und schreitet dann in sein wunderschönes Rathaus, auf dessen Stufen im Sommer Musiker spielen. Ich habe nur einen Obdachlosen in Noto gesehen, und den kennen offenbar alle.

Es gibt ein Gefängnis, eine Mini-Uni, den lustigen Stadtführer Corradino, der sich seine Tour im Smartphone von ChatGPT übersetzen lässt, eine Biobäckerei, in der mit naturbelassenem Getreide köstliche Tomaten-Strudel und Kräuter-Pinsa gebacken werden. Menschen mit Zöliakie wundern sich, warum sie plötzlich Weißmehl vertragen, Menschen auf Diät wundern sich, wieso sie plötzlich ihre Kalorien-App löschen wollen.

Es gibt in Noto kein ZARA, kein Mango, kein H&M. Es gibt keinen Döner und kaum asiatische Restaurants. Die einzige Chinesin macht den Krämerladen, in dem sie den ganzen Tag auf einem Campingstuhl döst. Es gibt einen Wertstoffhof, auf dem der Chef gern mal eins der Bilder selbst abzwackt („Das ist doch noch schön!“) und ein fantastisches alternatives Musikfestival in den Bergen. Noto ist so schön und schrullig, dass auch Ihr es absurd finden werdet, dort nicht schon viel öfter gewesen zu sein.

Ja, es liegt manchmal Müll herum. Ja, manche Restaurants sollen von bestimmten Organisationen unterwandert sein. Aber als Touri und Zugewanderter muss man erstmal nicht mehr wissen.

Rente auf Sizilien – Sehnsucht für viele


Für uns war zudem klar: Wir wollen in Deutschland nicht alt werden. Und damit sind wir offenbar nicht allein: Seit wir unterschrieben haben, werden wir mit Nachfragen bombardiert. Anscheinend haben immer mehr Menschen das Gefühl: „Ich muss hier dringend weg“. Es ist ein radikaler Schritt, aber einer, der für uns Sinn macht. Jeder von uns muss sich fragen: Bin ich Team Komfort Zone oder Team Abenteuer?

In Noto gibt es 300 Tage Sonne im Jahr. Allerdings haben wir im April noch gefroren, und bei der letzten Hitzewelle war es in München heißer als dort. Im Sommer gilt: frühmorgens das Meiste erledigen, zwischen 13 und 18 Uhr ab in den Schatten und putzen, schlafen, schreiben. Danach wird flaniert. Der Noto-Dresscode: Lang und glamourös für die Frauen, Hemd für die Männer (bitte keine Flipflops). Die Restaurantpreise machen zudem Lust aufs Essengehen - nur Kalabrien ist noch billiger.

Erste Freunde haben schon Flüge gebucht, um sich die Stadt, die herrlichen Strände und ein paar Immobilien anzusehen. Und hier meine Aufforderung: Kommt nach Noto (Flüge nach Catania gibt’s schon ab 150 Euro, falls der Ätna gerade Ruhe gibt, der Bus fährt für 8 Euro direkt in die Stadt) und spürt die Magie dieser barocken Schönheit. Und, wer weiß, vielleicht sagt Ihr eines Tages auch „Goodbye Deutschland“ und „Buongiorno Italia“?

 

 
 
 

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© 2017 by Anna Gelbert © 2017 Photos by Schoko-Auge

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