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  • AutorenbildAnna Gelbert

Plan B fürs Leben


Ich schreibe diesen Blogbeitrag auf einer Terrasse in Apulien. Mein Blick schweift auf die tiefblau schimmernde Adria, in der Ferne bellt ein Hund. Ansonsten höre ich: niente. Kein Hupkonzert, kein Trambahndonnern, kein Sirenenkreischen – also alles, was zu meinem Schwabinger Leben dazugehört. Und dieses Leben, das wurde in den vergangenen Monaten selbst für meine Verhältnisse ein bisschen zu stressig.


Vor einigen Wochen erlitt ich in einem Berliner Hotel eine vierstündige Panikattacke. Damals lotste mich ein unglaublich netter, junger Rezeptionsmitarbeiter durch die Nacht, verwickelte mich in ein Gespräch, kochte mir Tee und ließ mich so lange in seiner Lobby sitzen, bis ich mich beruhigt hatte. Das werde ich nie vergessen.


Medizinisches Personal gab sofort Entwarnung: Alles bestens mit meinem Körper. Trotzdem muss nach so einem Vorfall – und es blieb nicht bei einem - aufgeräumt werden. Ich sprach mit Freunden und war überrascht: Viele Leute um mich herum stecken gerade in einer ähnlichen Situation. Ihr Leben ist an einem Wendepunkt, der beängstigend oder befreiend sein kann.


Meine Branche - und nicht nur die - setzt massenhaft Menschen auf die Straße. Das sichere Leben, wie wir es kannten, ist vorbei. Und vielleicht ist das gut so. Neulich fragte ich eine Freundin, ob Sie bei Zahlung einer üppigen Abfindung endlich ihren ungeliebten Job hinschmeißen würde. Ihre Antwort: „Ja, wenn ich einen Plan B hätte!“


Aber wer von uns hat ihn, den Plan B fürs Leben? Vielleicht haben wir nur ein- bis zweimal die Chance, das zu tun, wofür wir wirklich brennen, den Partner kennenzulernen, mit dem es wirklich klappt, das Projekt anzugehen, von dem wir träumen. JETZT ist die Zeit, das herauszufinden. Ab der Mitte des Lebens werden die Karten neu gemischt. Und das neue Blatt kann durchaus ein paar Joker bereithalten.


Ich kenne so viele Kollegen, die jetzt vor der Wahl stehen, ob sie endlich ihr B&B im Süden eröffnen, sich zur Heilpraktikerin umschulen lassen, den Südamerika-Trip machen. Bei manchen zeichnet sich ab: Sie werden nichts davon tun. Sie werden ein bisschen vor sich hinwurschteln, bis ein neuer Job, ein neuer Partner kommt. Auch ok. Wichtig ist, die Pause fürs Nachdenken zu nutzen.


Ich habe eben die Netflix-Doku „Wie wird man 100 Jahre alt: Die Geheimnisse der Blauen Zonen“ gesehen. Richtig schöne Momente sind darin - bis auf die letzte Folge, in dem ernsthaft Singapur als mögliche Blaue Zone der Zukunft angepriesen wird. Äh. Nein. In solch einem autoritären Staat möchte ich nicht mal 70 werden.


Der Autor Dan Buettner bereist für den Vierteiler die griechische Insel Ikaria, außerdem Sardinien und Costa Rica und trifft unglaubliche Hochbetagte. Er will das Geheimnis lüften: Warum werden in einigen Gegenden der Erde Menschen 100 Jahre alt? Neben guter Ernährung, Gemeinschaft und Bewegung gibt es noch einen ganz wichtigen Punkt: Im japanischen Okinawa trifft Buettner auf einen rührenden alten Mann, der auf sein IKIGAI schwört – eine Tätigkeit, die bis zum letzten Atemzug Freude macht. Dieser Supersenior schnitzt Holz-Instrumente und schöpft daraus eine Kraft, die herrlich anzusehen ist.

Ich glaube, unser Plan B sollte etwas mit unsrem IKIGAI zu tun haben. Es sollte etwas sein, das uns jeden Tag aufs Neue beglückt – und nicht nur die Miete und die Versicherungen zahlt.


Aber was, wenn Du einen Plan B hast, aber aus Plan A nicht rauskommst? Dann musst Du Dir ein paar Fragen stellen: Alles umschmeißen? Aussitzen? Welche Qualitäten haben Dich bis hierhin gebracht – und wo kannst Du einen völlig neuen Weg einschlagen?

Mein Plan B heißt: Vom Schreiben leben, etwas Bleibendes schaffen, mehr verdienen, mein Potenzial ausschöpfen. Und bis dahin habe ich noch diesen Zwischenplan, der sich hier in Italien, wo es nur um Familie, Sonne und Essen zu gehen scheint, goldrichtig anfühlt: Zur Ruhe kommen, durchatmen und genau überlegen, wo welche Energie hinfließen soll.


Spoiler: Es hat funktioniert. Was außerdem hilft: Dem Lauf der Dinge vertrauen, aufs richtige Timing setzen. Wie ist das bei Euch? Seid Ihr noch gefangen in Plan A? Schon gescheitert mit Plan B? Schon bei Plan C - oder planlos glücklich?

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