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  • AutorenbildAnna Gelbert

Mein Sohn wird 18 - ein Liebesbrief



Vor 18 Jahren hielt ich ein kleines, blasses Bündel Mensch im Arm. Nach einer Nacht voller Schmerzen, schien mir diese Geburt wie die größte Tat, die ich je vollbracht hatte. Das Bündel warst Du, mein Sohn. Die Freudentränen Deines Vaters waren das erste, was Dich auf dieser Welt berührt hat. Du schriest nicht laut. Es war eher ein Wimmern. Noch Wochen bangte ich, ob Dir die Kraft für diese anstrengenden ersten Lebensmeter reichen würde. Sie reichte. Und aus dem leichten Säugling wurde ein kerniger, fröhlicher, lebhafter Junge und jetzt ein junger Mann, der Abitur macht (ein gutes, wie ich vermute).


Ich war eine ängstliche Mutter. Ständig hatte ich Sorge, Du könntest eine Krankheit haben, plötzlich aufhören zu atmen oder in einer Pfütze ertrinken. Muttersein war ein neuer Job, ich der panische Azubi. Mehr Instinkt und weniger Ratgeberbücher hätten es auch getan. Erst als ich das begriffen hatte, wurde ich entspannter. Ich wollte es schlicht gut machen und habe nie verstanden, wie Eltern ihre Kleinen auf Fahrradsitzen wegnicken ließen, wie sie rauchen und trinken konnten, obwohl daheim ein Zweijähriges versorgt werden musste. Heute weiß ich: Die Mütter glücklicher Kinder sind die besten Mütter. Unsere Wanderungen, Spielplatzbesuche, Spaßbad-Eskapaden und Museums-Ausflüge zeigten mir bald: Es darf Spaß machen, dann wachsen wir zusammen in diese Sache rein.



Meinen Eltern, die unbedingt Oma und Opa werden wollen, schenktest Du das größte Glück, das leider nur einige Jahre hielt. Sie gaben Dir, dem ersten Enkel, hingebungsvoll Fläschchen. Sie lasen Geschichten vor, tobten mit Dir im Schwimmbecken, fuhren mit uns in absurde Babyhotels mit Maskottchen im Speisesaal und waren verzückt, wenn Dein zahnloses Mündchen ihnen ein Lächeln schenkte. Dann verschwanden sie beide dorthin, wo Du herkamst und ließen die Liebe da. Freude, Trauer, Freude, der Slalom des Lebens.


Du warst und bist ein Glücksfall für uns Eltern: Pflegeleicht, geradeheraus, keine Lügen, keine Allüren, keine Tricks, keine Spielchen. Dafür sportlich, aufgeschlossen, musikalisch, liebevoll und der beste große Bruder, den sich Deine Schwester wünschen kann (die mit 18 übrigens auch so einen Brief bekommt). Die Streits zwischen Euch kann ich an einer Hand abzählen. Ausgleichend, diplomatisch, teamfähig bist Du - es steht seit jeher zuverlässig in jedem Zeugnis, das Dir irgendjemand ausstellt. Du willst mit Deiner Welt im Reinen sein. Selbst dann, als die Welt mit Dir nicht im Reinen war, und Dir die Pandemie zwei Jahre stahl. Fußball, Treffen, Schule, alles futsch. Trotzdem haben wir es zusammen geschafft, ohne große Blessuren da rauszuspazieren.


Deine Freundschaften halten ein Leben lang. Ich ahne es, wenn ich aus dem meinem Küchenfenster im fünften Stock beobachte, wie Du mit Deinen Kumpels nach der Schule die Räder die Straße entlangschiebst. Diese letzten Male, bevor das Abitur einen vorläufigen Schlusspunkt unter 12 Jahre Schulbank und zahllose Übernachtungsparties setzt. Die Jungs, die hier in Cars-Schlafanzügen Minecraft-Marathons zockten und am nächsten Morgen beim Frühstück aus ihrem kleinen Leben erzählten, habe ich alle ins Herz geschlossen. Ihr werdet studieren, Ausbildungen anfangen, ins Ausland gehen oder zu Hause abhängen. So lange, bis es einem von uns zu eng, zu viel oder zu wenig wird.


"Ja, es ist anstrengend, aber ich möchte das Muttersein um nichts in der Welt eintauschen", schwärmten Mamis oft in den Krabbelkruppen, dem Babyschwimmen, der Babymassage oder der Singstunde (ja, das alles habe ich mit Dir gemacht). Heute weiß ich: Sie haben gelogen. Denn natürlich gibt es Zeiten, in denen man diesen 24/7-Knochenjob liebend gern für ein Vollbad und eine Klatschzeitschrift drangeben würde. Aber es waren nicht viele Zeiten, ich schwöre.



Wir haben Dich vom Fußballfeldrand angefeuert, Feuerwehrgeburtstage ausgerichtet, mit Dir Französisch gelernt, Dich im Schwimmkurs ermutigt (okay, das Seepferdchen ging zunächst in die Hose und sorgte für einen Wutanfall), Deinen ersten Liebeskummer zusammen durchlitten, bibbernd darauf gewartet, dass Dein Fahrschul-Auto nach der Prüfung um die Ecke bog. Bestanden. Wieder ein Häkchen. Wir waren mit Dir in London, Paris, Barcelona, Rom, Kopenhagen. Wir waren in den Bergen und am Meer und stolz darauf, Euch die Welt zu zeigen. Wir schicken Dir Studiengänge und Nebenjobs (es nervt, ich weiß) und vertrauen darauf, dass die Papierberge und Sockenstapel in Deinem Zimmer sich irgendwann wundersam in eine göttliche Ordnung fügen. Du hast das schon im Griff.


Es ist schön, das immer öfter sagen zu können: Du hast das schon im Griff.

Jetzt wirst Du 18, und ich weiß seit Jahren, dass ich diesen schwülstigen Text schreiben werde. Kitsch ist erlaubt, wenn Gefühle ins Spiel kommen. Und mein Herz quillt über vor Gefühl. Du hast bis hierhin alles richtig gemacht, was ein Kind nur richtig machen kann. Selbst die Pubertät war ein Spaziergang. Ich wünsche Dir, dass Du im Leben auch mal Fehler zulässt. Du schuldest niemandem Perfektion (auch wenn es herrlich ist, sich nie Sorgen machen zu müssen). Für uns bist Du perfekt - egal, wie.



Du hast Freunde und findest immer neue. Du hast eine tolle Beziehung, die ein Jahr Ausland überlebt hat. Du spielst seit elf Jahren Klavier, seit 14 Jahren Fußball. Es scheint, als seist Du für Beständigkeit geschaffen. Eine Beständigkeit, die wir Dir hoffentlich auch als getrennte Eltern bieten. Denn wir sind immer Familie geblieben. Vielleicht hast Du von uns gelernt, wie man hinfällt und wieder aufsteht und, wie man die Stränge seines Lebens immer wieder zusammenführt - wie in einem guten Roman, Film oder Song. Ohnehin ist Musik Dein Ding. Wer Dich einmal beim Klavierspiel oder in Deinem Kellerstudio erlebt, vergisst das nie wieder. Talent trifft auf Disziplin, und die Leidenschaft, die kommt aus Dir. Bewahr Dir das! Wir alle brauchen etwas, wofür wir brennen. Bei mir sind es Buchstaben, bei Dir sind es Töne.


Wie Du feierst? Erstmal keine wilde Sause - Lernphase. Stattdessen Steak und Cola mit den Jungs. Ich liebe Eure Vernunft und staune: Nach meiner 18-er Party habe ich angetrunken meinen nagelneuen Renault geschrottet. Schön, dass Ihr anders tickt! Was auch immer Du mit diesem irren Leben anstellst, unsere Liebe wird Dich jede Sekunde umhüllen wie ein Superman-Umhang.


Es wird Dir ziemlich peinlich sein, diese Laudatio veröffentlicht zu sehen, aber lass mir den Spaß! Ich verspreche, ich blamiere Dich danach erst wieder bei Deiner Hochzeit. Bis dahin wirst Du uns mit Deiner Geradlinigkeit und Deinem grundfreundlichen Wesen noch viel Freude machen - und mit Deinem jetzt schon legendären Humor. Befragt, worauf Du Dich jetzt am meisten freust, sagtest Du: "Auf PayPal".



Alles Liebe zum 18.,

Mama











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