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  • AutorenbildAnna Gelbert

Kunde oder Opfer?


Kafka und der Wasserschaden

"Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn, ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“

So beginnt Franz Kafkas Roman Der Prozess von 1925. Für die meisten von uns verstörende Schullektüre, hat das Werk bei mir nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Der Begriff "kafkaesk" kommt mir immer wieder in den Sinn, wenn ich bürokratischen Vorgängen ausgesetzt bin, die keinen Sinn machen, aber stur durchgezogen werden.


Schimmelherrgott


So wie neulich, als plötzlich ohne Vorwarnung eine Wand im Bad meiner Mietwohnung schimmelte und nässte. Die daraufhin eintreffenden Scharen von Handwerkern (hier gibt es nichts zu gendern), die den Schaden inspizierten, mit Kennerblick mal hier, mal dort klopften, ernst nickend ihr Klemmbrett bekritzelten, fanden allesamt: nichts. Irgendwo war Wasser hergekommen. Aber woher? Ich fühlte mich wie auf dem Mars.

Affirmationen am A…


Normalerweise würde man jetzt zügig die Ursache finden und schnell zur Tat schreiten. Stattdessen: Fünf Wochen Nervenkrebs zwischen Fliesenstaub, Silikonmief und Trockengeräteterror (und Freunde sagen mir, da geht noch viel mehr). Nicht, dass die Herren ihr Handwerk nicht verstanden hätten - es war die Koordinationsstelle, die mehrmals dafür sorgte, dass meine morgendlichen Affirmationen (Ich.Bin.Nachsichtig.Mit.Meinen.Mitmenschen.) für die Katz waren.


Wanningers Wanne


Kennt Ihr den Sketch von Karl Valentin von 1940, in dem der Buchbinder vergeblich bei einer Baufirma nach einer Auskunft fragt? Ursprünglich hieß die Szene „Telefonschmerz“. Daran hat sich auch 83 Jahre später nichts geändert: Wenn Du zwei Trockengeräte überschreist, dann ist eines dieser Gespräche entgleist:


X: (Gähnt) Guten Morgen, hier spricht Firma Trockenschick. Wir kämen dann morgen und würden den Wasserschaden begeben.

Ich: Aber wir wissen doch noch gar nicht, wo der herkommt?

X: (freundlich, aber bestimmt) Wir kämen aber dann morgen und reißen die Dusche raus und stellen zwei sehr heiße und lärmige Geräte in ihren kleinen Flur.

Ich: Es sind doch aber 30 Grad. Wollen wir nicht erstmal schauen, was die Ursache ist und dann einen richtigen Plan machen?

X: (genervt) Das sehen wir dann. Also morgen. Denn wir kommen ja morgen. Für alles Weitere müssen Sie mit der Versicherung/Hausverwaltung/dem Kreisverwaltungsreferat/dem Pentagon reden.

Ich: Aber wann ist denn der Spaß vorbei?

X: (hörbares Augenrollen) Woher sollen wir das wissen? Es ist doch Ihr Wasser und Ihre Wand. Bis morgen dann.


Vom Kunden zum Opfer


Hier greift jetzt ein tückisches Syndrom, das Flug- und Bahnreisende kennen: Plötzlich bist Du nicht mehr Kundin, sondern Opfer. Zack, die Tür geht zu, ab jetzt bist Du irren Fahrplänen, defekten Bordbistros und abenteuerlichen Umwegen ausgeliefert. Du könntest pünktlich ankommen, Du könntest aber auch drei Stunden auf der Strecke zwischen Bamberg und Erlangen stehen und unterzuckert alte Hustenbonbons aus Deiner verklebten Handtasche kramen.


Handwerk schlägt KI


In dem Moment, an dem Du eine Handwerksfirma brauchst, ist es ähnlich: Vielleicht geht alles glatt. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist da dieser eine Mensch im Büro, der den ganzen Tag Termin-Tetris spielt. Dem egal ist, ob Du jetzt wochenlang bei den Nachbarn duschst. Die Arbeiter kamen übrigens und lieferten: Ich bin voller Bewunderung für die Schnelligkeit, mit der sie Fliesen kleben, Duschwände montieren und Installationen anbringen. Sollte Künstliche Intelligenz uns Tastatur-Nerds eines Tages alle abschaffen – Handwerk wird es immer geben.


Es muss nicht immer Studium sein


Vor wenigen Tagen sollte ich an der Schule meiner Kinder über meinen Job referieren (der inzwischen nur noch daraus besteht, dass ich zehn Finger über ein Laptop jage). Ein Blick auf die Berufe der anderen Eltern: Psychologinnen, Unternehmensberater, Ärzte – nur Akademiker. Aber: Nicht erst seit Corona erleben Handwerksberufe ein Comeback. Zukunfts- und Arbeitsforscher prophezeien Gesellen und Meistern volle Auftragsbücher und maximale Freiheit bei der Preisgestaltung. Vielleicht sollten wir mal von unserem Ross absteigen und unseren Kindern eine Ausbildung empfehlen anstelle von vier teuren Jahren an der Uni?


Happy Dusch-End


Übrigens gehen weder Kafkas Prozess noch der Wanninger gut aus: Der verzweifelte Buchbinder wird auf den nächsten Tag vertröstet, Josef K. wird hingerichtet. Und ich? Nach drei Nervenzusammenbrüchen, einem penibel geführten Bauprotokoll und einer neu belebten Brieffreundschaft mit dem Mieterverein habe ich mein Bad wieder. Sollte nochmal ein Schimmelfleck auftauchen, das schwöre ich, sage ich keinen Ton.




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