• Anna Gelbert

Hilfe, Mama ist ein Binge-Watcher - Was The Crown mit mir macht



Wisst Ihr noch, wo Ihr wart, als Diana starb? Eigentlich müsste ich fragen, "wissen Sie noch", denn die Leute, die den Unfalltod der Prinzessin bei wachem Verstand erlebt haben, sind heute alt. Und die, die ich jetzt duze, waren 1997 noch nicht mal ein Date. "Was findest Du nur an dieser Alten?", mault mein Sohn. Meine Tochter brandmarkt die Klamotten und Frisuren der Briten-Blondine als "voll hässlich". Schwer, Kindern zu erklären, dass Schulterpolster und Föhnwelle damals der heiße Scheiss waren, dass diese Frau mit der zu großen Nase und dem eckigen Gang die ganze Welt beschäftigt hat.


Schaltet die News ab, schaut Serien!

Mich beschäftigt sie wieder: Mutti glotzt. The Crown. Abends und nachts, im Morgengrauen, wann immer es geht. Ich leide phasenweise an übler Schlaflosigkeit, mache aber mittlerweile nicht mehr den Fehler, mir die trostlosen, alarmierenden und aufwühlenden Nachrichten anzutun, die aus meinem Smartphone flimmern. Nein: Jetzt binge ich.


Eigentlich wollte ich darüber schreiben, wie wütend ich bin in diesem Winter 2020. Wie mich realitätsferne Quarantäne-Regeln, nicht vorhandene Schul-Hygiene-Konzepte, völlig verängstigte Mitmenschen, dieser ganze irre Impfkrampf, die absurde Test- und Vorschriftshysterie, die nicht vorhandene Perspektive der Bundesregierung für 2021 auf die Palme bringen (stattdessen wird ein Gesetz verschärft, das schützen soll, aber mit fragwürdigem Effekt. Kann es sein, dass wir acht Monate nach Beginn der Pandemie immer noch auf Sicht fliegen? Wie kann es sein, dass Labore überlastet sind, wenn die zweite Welle sich schon seit April ankündigt? Wie ist es möglich, dass wichtige Behörden in diesen Zeiten um 9 Uhr Dienstbeginn haben? Wir schauen nach Amerika, lästern, es sei ein gespaltenes Land - und was sind wir mittlerweile?). Ich bin stinksauer. Ein Leben in geduckter Angststarre, das ist nicht schön. Mittlerweile lügen die meisten Leute, datieren Symptome zurück, kürzen die Quarantäne ab. Wer einmal durch die Test- und Wartehölle durch ist, tut das nie wieder ohne Not. Bei allem Respekt vor dem Virus: Die Maßnahmen sind völlig lebensfern. Kinder treffen nur noch einen Freund - sind aber zu dreißigst in der Schule?


YES!-kapismus

Ich treffe auch nur noch einen Freund: Meine Glotze. Und da läuft: The Crown. Auch hochinfektiös, aber garantiert Lauterbachfrei. Shame on me, die ersten drei Staffeln habe ich verpasst. Aber beim Anblick von Emma Corrin als Diana war ich verloren. Plötzlich war die ganze Strahlkraft dieser widersprüchlichen Frau zurück. Die Unsicherheit, die Herzenswärme, der Glamour, die Selbstzweifel, die Berechnung, die Unberechenbarkeit, die Mutterliebe, die seelische Not. Liebe Millennials, Diana war die 1.0-Version einer Prinzessin der Herzen. Die Blaupause, an der sich alle danach messen lassen müssen. Viele Royals träumen von Dianas Strahlkraft - aber gern gepaart mit seelischer Stabilität und einem langen Leben. Aber, let's face it, die Frau war ein Star, ein Selbstvermarktungs-Genie, und ihr dramatischer Abgang trägt natürlich zur Legendenbildung bei. Die erste Begegnung zwischen Thronfolger Charles und der blutjungen Diana Frances Spencer, zu einer Zeit, als er ihre ältere Schwester datete, sagt alles: In einem idiotischen Kostüm hüpft die Schülerin um den Mann, der wohl niemals König werden wird (hätt se das mal gewusst), herum. Sie weiß genau, was sie will. Sie weiß gar nichts. Sie wird alles erfahren.


Haltet das Smartphone bereit!

Noch nie habe ich beim Schauen einer Serie so viel nebenher gegoogelt. Konnten sich die Queen und Thatcher wirklich nicht riechen (Maggies Mann Denis fasst es übrigens schön zusammen: "Two menopausal women - that'll be a smooth ride"), trug Diana bei ihrem Solo-New-York-Triumphzug wirklich diesen bescheuerten Stehkragen? Hat sie den aidskranken Jungen wirklich umarmt? Hat sie Charles wirklich an seinem Geburtstag mit einem Bühnentanz vor der gesammelten Society überrumpelt? Hat sie wirklich so viel gekotzt? Warnhinweise vor jeder Sendung weisen auf Bulimie-Szenen hin, die vielleicht verstörend wirken können. Come on, es ist 2020, wir Diana-Fans sind alle kurz vor den Wechseljahren, es gibt nichts, was wir nicht schon kennen oder selbst mal hochgewürgt haben. Außerdem ist ein Ausflug zu TikTok dieser Tage viel verstörender. Anyway: Es ist nicht möglich, diese Serie ohne Handy zu sehen. Haben sich Google und Netflix dabei etwas gedacht? Wie und wo lebte Diana in ihrer Mädels-WG in Earls Court? Ist Prinz Philip-Darsteller Tobias Menzies - der mit der tollen Stimme - schwul? Wie groß ist Olivia Coleman? Jede Info wird synchron gecheckt.


Diana Superstar

Ich kann es nicht leugnen: Noch immer ereilt mich der Zauber dieser Frau, die die Staub-Royals aufschüttelte und zwang, Farbe zu bekennen. Es gab nur Für und Wider. Diana war niemandem egal. Noch heute sagen die einen: Was für ein verwöhnter, privilegierter, Schizo-Braten. Die anderen: Sie hatte Charisma, Brüche, schrie nach Liebe. Das geht nun mal nicht immer mit einem unkomplizierten Charakter einher. Diana zog ihren Stiefel als Erste ihrer Generation durch - da war Meghan noch ein ehrgeiziger Niemand.


God save the Queen

Wer all das ausgesessen, geregelt, mitangesehen hat, ist aber mein heimlicher Liebling in The Crown: Die Queen. Ich durfte die mittlerweile 94-jährige zweimal live erleben: Bei der Hochzeit von Kate und William 2011 - und bei der Hochzeit von Charles und Camilla 2005. Beide Male stand ich mir mit einem Kamerateam die Beine vor irgendwelchen Palästen in den bürgerlichen Bauch. Aber nur bei der Queen hatte ich Gänsehaut. Ein Leuchtturm, eine Instanz, eine Seniorin gewandet in absurden Farben, ein Jahrhundert geballtes Keep Calm and carry on-Feeling. Die Nummer eins in der Ehe, die Nummer eins der Windsors, aber nicht eine Sekunde eine Rampensau. Ich liebe die Szene in The Crown, als der arbeitslose Michael Fagan sich 1982 in den Buckingham Palace schleicht und in den frühen Morgenstunden auf dem Bett der Queen sitzt (Google sagt, ist echt so passiert). Ihre Reaktion: Sie hört dem Mann, den Arbeitsämter, Abgeordnete und seine Exfrau abgewimmelt haben, einfach zu. Natürlich haben die Drehbuchautoren das alles ausgeschmückt. Aber das Schöne an einer Serie ist ja: Es muss nicht, könnte ja aber genauso gewesen sein. Illusion ist King.


Krisen gehen - das Königshaus bleibt

Ach Leute, ich könnte endlos weiterschwärmen. Aber ich mache es kurz: Schaut die Serie, schaut die vierte Staffel, taucht ein in diese Welt, in der Menschen trotz aller Privilegien zutiefst menschliche Abgründe zeigen. Dass Diana am Ende starb und Charles seine Lebensliebe heiraten konnte (Karma is a bitch), dass der eine Sohn Hals über Kopf in die Arme einer Amerikanerin aus dem englischen Regen in die kaliornische Sonne flüchten und der andere brav seinen Dienst erfüllen würde, vor allem, dass die Queen immer noch da ist: Ein pflichtversessener, Pferde liebender Fixstern in Zeiten voller Unruhe, eine Frau, gefangen in einem lachhaften Palast, die sich aber ihr Leben lang als Dienerin ihres Landes sah - das ist der Zauber von The Crown. Staffel 5 ist wohl schon in Arbeit, die 90er Jahre, die gefühlt damit enden, dass ein schwarzer Mercedes in den 13. Brückenpfeiler im Alma-Tunnel in Paris knallt, die ganze Welt trauert und die Queen von ihrem Volk gezwungen wird, weniger Maschine und mehr Mensch zu sein. Ich bin dann mal wieder weg. Keep Calm and keep glotzing.






















© 2017 by Anna Gelbert © 2017 Photos by Schoko-Auge

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