• Anna Gelbert

Die neue Mail-Mauligkeit - Warum das Home-Office uns zu Muffeln macht

Aktualisiert: Okt 10



Erst kürzlich habe ich eine schlaflose Nacht verbracht, weil mich die Mail einer Kollegin so aufgeregt hat. Soll ich ihr wirklich sagen, dass ich den Tonfall unterirdisch fand? Neben allerhand Sachkritik (völlig o.k.) polterten auch Ausdrücke durch die Zeilen, die so nie in einem persönlichen Meeting gefallen wären. Kein Einzel-Ausfall: Die Mails, die mit drei Zeilen für sieben Stunden schlechte Laune sorgen, häufen sich. Haben wir wirklich vor einem Jahr so miteinander gesprochen wie wir jetzt, in Corona-Zeiten, in die Tasten ätzen?

Wer die letzte Mail des Tages kriegt, hat verloren


Kurze Umfrage in meinem Freundeskreis: Alle bestätigen diesen Eindruck. Der Ton sei rustikaler geworden, sagen sie, dreist bisweilen. Die Begrüßungs- und Betreff-Etikette werde zwar eingehalten (da bin ich eher sportlich-minimalistisch), dafür werde der Gesamt-Tenor schärfer, fordernder. Jeder ist des Anderen Dienstleister geworden – Schick Du mir noch das, dann kann ich mich endlich ausloggen! E-Mail-Ping-Pong. Wer den Ball am Ende des Tages kriegt, hat das Problem. Schnell klingt es aber so, als sei er oder sie das Problem. Vorwürfe, auf zwei Zeilen destilliert statt richtiger Gespräche. Das zeigt sich auch in der Zeichensetzung: Plötzlich gibt's mehr Ausrufezeichen als Punkte.

Teams = Team-Geist?


Die Mail-Muffeligkeit wird von Video-Calls noch befeuert. Kann es sein, dass die Zoom-Kultur gnadenlos auf die Schwächen der Leute ranfährt? Dass ausgerechnet Teams uns ins genaue Gegenteil von Teamplayern verwandelt? In stoffelige Einzelkämpfer-Rambos, die ihre tägliche Call-Rahmenhandlung abarbeiten - und das immer ungeduldiger und aggressiver? Die Waschmaschine piepst, gleich kommen die Kinder mit Hunger und Hausaufgaben, schnell noch irgendwas wegdelegieren, zack, zack.

Aus Kollegen werden Hater


Ich bin wahrlich eine Freundin klarer – und notfalls harter Worte. Allerdings auch in echten Situationen mit echten Menschen. Was in der Home-Office-Isolation passiert, gleicht dem Abdriften der Kommunikation in den sozialen Netzwerken: Der Ton wird durch die Entfernung brachial - Aus Kollegen werden Hater. Das Publikum: Die cc-Blase aus virtuellen Kopfnickern. Ja, schlimm, was sie oder er da schon wieder fabriziert hat. Aus den Call-Outfits des Frühlings sind Lieblings-Schlabbershirts geworden. Warum noch schminken oder rasieren? Kennt doch jetzt eh jeder alles. Der Hintergrund ist Background Blur. Sind wir nur eine Pandemie-Stufe vom online-Pöbeln entfernt?


Wir lassen uns gehen. Äußerlich wie innerlich.


Denn in Calls gehen all die zwischenmenschlichen Schwingungen verloren, die nun mal zu einer (Arbeits-)Kommunikation gehören: Das gute Parfum eines Kollegen. Das gemeinsame Lachen über einen schmutzigen Witz, das so viel Dampf aus einer aufgeheizten Diskussion saugt. Das herzhafte Händeschütteln nach einer Präsentation (geht mir weg mit dem Ellenbogen-Kram!). Der Büro-Mief aus Infused-Ingwer-Wasser, Vollautomaten-Kaffee-Plörre, Druckerpapier (so 90s!) und Asia-Take-Away, das wieder jemand in der Mikrowelle vergessen hat. (Ich freue mich schon darauf, zu sehen, was nach einem Jahr in den Office-Kühlis so gefunden werden wird. Vermutlich Bakterienkulturen, die schon ihr eigenes Start-up gegründet haben.)

Liebeserklärung ans Büro!


Die „Hallo-ich-bin-eine-Klobürste-benutzt-mich“-Mahnzettel, „Wer hat meine Kaffeetasse mit den lustigen Füßen gesehen“-Schwachsinn und „Leert den Kühlschrank!“-Drohbriefe. Das Rumkumpeln. Das Gossippen, die Flur-Flirts, die Kantinen-Lunch-Dates. Ach, ich vermisse es. Und das hätte ich mir nicht träumen lassen, als ich Mitte März meinen Arbeitsplatz - wie die meisten Arbeitnehmer in Deutschland – in mein Wohnzimmer verlegte. Herrlich war das erstmal. Nach Jahren im Büro endlich Zeitautonomie. Arbeiten, wann immer ich mag, auch zu Unzeiten (jetzt gerade ist es 02:46). Frisches Essen kochen und keine Stunden mehr im Stau vergeuden. Für die Kinder da sein. Die Zeit konzentrierter und effizienter nutzen. Den Ausdruck Work-Life-Balance endlich verstehen.

In vielen Firmen sieht es mittlerweile aus wie im 70er-Schocker Shining, in dem Jack Nicholson im leeren Berghotel irre wird: Verwaiste Flure, verstaubte Heizungen und die bange Frage: Wird das wieder? So schlimm wie im Film wird das Ende sicher nicht. Aber ich glaube: Das Genervtsein kommt schleichend - weil jeder alleine vor sich hinnerdet.


My home is my castle – and my office


Die guten und die schlechten Vibes – wir haben sie alle mit nach Hause genommen und vermehrt. Und, während sich mancher zum Jahres-Ende fragt, wie er Strom und Arbeitsplatz von der Steuer absetzen kann, sitze ich meist mittendrin an meinem Esstisch. In wenigen Stunden steht hier wieder Frühstück. Müsli meets Laptop. Nur ein paar Meter um die Ecke ist das Bett, in dem ich abends entspannen soll. Aber es geht nicht, weil mich das Mail-Gemaule mitunter so mürbe macht.


Ich hab es der Kollegin übrigens gesteckt. Sie hat super reagiert. Wir können's noch.


Ich freue mich wieder auf echte Teams. Auf echte Meetings mit schlechter Luft und guten Ideen. Auf Gemeinsamkeiten und kreative Ideen-Polypen. Auf ein organisches Ganzes. Eine halbe Woche daheim, eine halbe Woche im Office – das wärs. Damit wir nicht ganz vergessen, dass wir das sind, was die Arbeitswelt vor allen Dingen ausmacht: Menschen.

© 2017 by Anna Gelbert © 2017 Photos by Schoko-Auge

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