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  • AutorenbildAnna Gelbert

Die Anti-Bucket-List

Been there, done that? Wird abgelöst von Brauch ich nicht.


Der Frühling 2023 ist eine Prüfung. Und ich muss mich höllisch konzentrieren, um nicht durchzufallen. Während mir mein Leben in schillernden Einzelteilen um die Ohren fliegt, lausche ich der Stimme in mir (keine Angst, es ist nur EINE Stimme), die da fragt: Was genau willst Du eigentlich noch mit deinen verbleibenden 20 oder 30 Jahren machen? Aber, ha! Darauf habe ich Antworten, gute sogar.


Was ich nicht machen will, ist schon schwieriger zu beantworten. Auf der Kult-Seite-Reddit und anderen Plattformen kursieren Listen von Menschen, die hier sammeln, was sie garantiert nie (wieder) erleben wollen. Die Anti-Bucket-List die radikale Antwort auf die Bucket-List. Wir alle haben diese Aufzählung, ob im Smartphone oder auf Papier. Ihr Untertitel könnte lauten: Dinge, die wir noch abhaken wollen vor dem Check-out. Die einen machen sich ein Vision Board, die anderen führen ein Journal - früher mal bekannt als Tagebuch mit Herzen drauf und Schloss dran.


Die Bucket-List ist wiederum nicht zu verwechseln mit ihrer Streber-Schwester, der To-Do-List. To-Do-List-Schreiberinnen müsst Ihr nicht gendern. Es sind fast immer Frauen, die nicht nur ihr eigenes Leben organisieren, sondern auch das ihrer Familie. Auf diesen Zetteln (gern auch mal Tafeln) steht im Befehlston so etwas wie "Hemden von der Reinigung holen! Überweisung Schulausflug! Tante Gertraud anrufen!" Der Triumph, einen Punkt durchzustreichen, hält aber leider nur kurz. Denn jede abgehakte Aufgabe generiert fünf neue Pflicht-Metastasen.


Auf der Bucket-List dagegen finden sich eher Punkte wie: "Einmal in den KitKatClub. Mathe-Lehrern die Meinung geigen. Zur Olivenernte nach Italien". Bei schlichteren Gemütern steht auch gerne: "Tandemsprung mit Ingo. Höchste Achterbahn der Welt fahren. Junggesellenabschied in der Schinkenstraße." Das schöne an einer Bucket-List: Es gibt kein Richtig oder Falsch. Alle haben das Recht, es noch ein paarmal krachen zu lassen - speziell in diesen Zeiten. Für manche ist das eben ein Spaßrutschenbadbesuch mit Schlamm-Gesichtsmaske, so what?


Bei mir stehen ein paar durchaus realistische Dinge: Einen Roman schreiben. Nach Kalifornien fliegen - plus ein paar Punkte, die nicht unbedingt auf einen Familien-tauglichen Blog gehören. Die Bucket-List ist simpel. Alles, was man braucht, ist eine ruhige halbe Stunde, ein Stift und ein Blatt Papier. Selbst, wenn man nichts davon umsetzt, ist es hilfreich, sich die eigenen Wünsche klarzumachen.


Genauso hilfreich ist es, sich von Wünschen zu verabschieden, deren Erfüllung dann doch nicht mehr sooo dringlich scheint: Auf die Anti-Bucket-List gehört nichts, was sowieso nie in Frage gekommen wäre. Ein Gesichts-Tattoo zum Beispiel, ein Tauchschein oder ein Nacktshooting mit einer Python waren für mich zu keiner Zeit erstrebenswert. Daher fällt es mir auch nicht schwer, sie zu streichen. Nein, ich meine die Sachen, die vielleicht mal lustig oder spannend klangen, jetzt aber weg können.


Hier kommt meine Anti-Bucket-List von Dingen, die ich mir jetzt ohne schlechte Gefühle von der Backe schminke:


  1. Alpaka-Wanderung. Sicher süß und beruhigend. Aber nicht für mich.

  2. Tattoo: Chinesische Weisheiten, Kinderportraits und Omas Todestag auf meiner alternden Haut? Brauche ich nicht. Ich finde viele Tattoos sehr schön, aber eben bei anderen.

  3. Ein Haustier. Immer wieder träume ich davon, abends vor der Glotze eine schnurrende Katze zu streicheln oder mit einem Airdale Terrier durch den Park zu joggen. Sicher ein großes Glück. Ich aber musste mir nach 17 Jahren Kinder-Erziehungszeit eingestehen: Ein Tier ist wieder ein Lebewesen, für das man verantwortungsvoll und gut sorgen muss. Und ich habe keine Lust mehr auf Tierarztbesuche, Zecken im Po und Zoff im Park.

  4. Eis-, Unterwasser-, Leuchtturm- und sonstige "verrückte" Hotels. Ein Hotel sollte schön und komfortabel sein. Punkt.

  5. Drogen. Irgendwie dachte ich immer, der Zeitpunkt kommt noch, an dem ich mal lustige Kifferwitze reiße oder bekokst im Club tanze und alle liebe. Tut er aber nicht.

  6. Kreuzfahrt. Sieht immer herrlich aus. Aber ich bin nicht schwindelfrei und schaue mir die deutsche Prominenz auf Klassenfahrt lieber im ZDF an.

  7. Stretchlimo und Privatjet. Der Traum für viele Influencer und selbsternannte Rich Kids. Ein langer Metallstrumpf, der sich schon nach den ersten Selfies klaustrophobisch anfühlt? Säuerlicher Prosecco-Atem einer kreischenden Meute? Not for me.

  8. Entspannt sein. Seit ich mir eingestanden habe, dass ich weder eine entspannte Mutter noch Partnerin bin, lebe ich viel entspannter. Klingt komisch? Is aber so.

  9. Australien. Sicher ein Erlebnis. Für alle anderen. 24 Stunden Flug und 2400 Arten von Reptilien? Thank you, but no thanks.

  10. Silvester. Schon im November gestresst wegen Parties rumtelefonieren? Naaaah. Lieber um 22 Uhr schlafen und das neue Jahr ohne Augenringe begrüßen.


Interessanterweise rücken jetzt Dinge auf mein Radar, die ich nie für wichtig hielt. Auf ein Festival gehen zum Beispiel. Fisch essen. Richtig gut Tanzen lernen. Verwandte in entlegenen Städten besuchen. Spagat beherrschen. Das sind plötzlich spannende Herausforderungen. Ihr seht: Die Bucket-List und ihr nörgeliges Gegenstück sind flexibel. Wichtig ist, immer mal wieder auf AKTUALISIEREN zu drücken. Es ist nie zu spät, sich Wünsche zu erfüllen. Aber eben nicht die von 2007.


Wie ist das bei Euch? Was müsst Ihr nie (mehr) machen?







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