• Anna Gelbert

Das Krisus - Woche 12 - Meerschweinchenpopcorn


Finde mich mutig, mit einem alten Partyfoto einzusteigen: Ich, Luftgitarre spielend, auf einem Fest vor gefühlt drei Eiszeiten. Da möchte ich wieder hin: Vor Kraft bersten und feiern, als gäbe es kein Morgen. Dabei wussten wir damals im Gegensatz zu heute, dass es ziemlich sicher ein Morgen geben würde. Da dieses Morgen ja schon wieder gestern war, konzentriere ich mich auf heute: Ich will meinen persönlichen Lockdown beenden - und offenbar nicht nur ich: Vor den Bars der Stadt quellen die Leute zu Hunderten in die Straße, ergießen sich in Hofeinfahrten, strömen in jeden Hauseingang. Eine Flasche Bier in der Rechten, ein Aperol-Becher in der Linken, die It-Accessoires im Corona-Sommer 2020. Meine Erkenntnisse der Woche:

1) Frage an mich selbst: Wie lange will ich hier eigentlich noch über eine Krise schreiben? Und wann kehre ich zurück zu meinem normalen Blog? Keinen Schimmer. Aber warum sollte ich der einzige Mensch in diesem Land sein, der sicher etwas weiß?

2) Öffnet die Schulen - und zwar sofort! Das Chaos ist wirklich kaum mehr auszuhalten. Ich könnte kotzen, wenn ich sehe, wie die Auto- und Luftfahrtindustrie, die Bundesliga jetzt in den Puderzucker-Jet-Stream kommen. Fahrt zur Hölle! Schaut, dass die Kinder dieses Landes wieder ordentlich beschult werden. Das sind Eure Ticket- und Autokäufer von morgen.

3) Meine Welt teilt sich mittlerweile radikal in Freund und Feind: Getränkelieferant, der drei Wasserkästen in den fünften Stock schleppt? Freund. Rentner, der Dir aus 50 Zentimeter Kukident-Entfernung ins Gesicht keift, Du sollst Abstand halten? Feind. Zara, das neuerdings seine Kundenströme endlich geordnet hat? Freund.

4) Bitterste Erkenntnis: Calls sind keine Arbeit. Lange, lange dürfen wir nicht in unsere Büros zurück. Aber der Job von Millionen Menschen ist es, Dinge entstehen zu lassen, nicht sich anhand von Telefonterminen durch den Tag zu hangeln und Zuständigkeits-Squash zu spielen.

5) Zweitbitterste Erkenntnis: Für berufstätige Mütter ist Home-Office nichts. Ich gäbe meine gesamte Schuhsammlung, wenn ich diesen Männer-Tunnelblick hinkriegen könnte: Rechner an, Welt aus. Stattdessen 360-Grad-Wahrnehmung: Piepsende Waschmaschine, fiepende Spülmaschine, vorwurfsvoll grummelnder (weil ständig halbleerer) Kühlschrank. Es ist, als hätten sich alle Elektrogeräte gegen mich verschworen, darauf aus, jeden stringenten Gedankengang zu unterbrechen. Die Ruhe im Büro, wenn Du bei Kaffee Nummer 1 den Rechner hochfährst? Unbezahlbar.

6) Überraschung der Woche: Es gibt so etwas wie Lockerungs-Neid. Die, die noch Zuhause sitzen beneiden diejenigen, die wieder in die Schule dürfen. Fröhlich ziehen sie morgens von dannen, während wir wie die bleichen Nerds aus der Sanostol-Werbung hinter die Regenscheibe gepresst stehen und winken (mit dem Mittelfinger). Best-Ager beneiden 25-jährige Partysucher um ihre einzige Sorge: Wo kann man wieder feiern? Solo-Selbständige, die das Minus von drei Monaten wieder ausgleichen müssen, beneiden Festangestellte. Zum ersten Mal im Leben beneide ich Beamte. Gesunde beneiden Gesundete. Singles beneiden Liierte. Ehezoffer beneiden Singles. Wir sind die Bundes-Neid-Republik. Gegen dieses fiese Feeling gibt's nur ein Mittel: Konzentrier Dich auf Dein eigenes Leben, gönn Dir!

7) Wir, das große, schlaflose Heer der 30-55-Jährigen, der Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Homeworker, Homeschooler, Oma-Opa-Beschützer und Existenzsorger, werden geschwächt aus dieser Krise herauskriechen. Zerfleddert, ausgesaugt, fertig. Mit ein paar Kilos mehr und ein paar Illusionen weniger: Um uns kümmert sich keiner. Wir sind niemandes Sorgenkinder. Ich bin überhaupt niemandes Kind mehr. Eine ganze Generation schlittert in den Corona-Burnout. Unsere Großeltern kamen nach 1945 aus den Luftschutzkellern und bauten das Land wieder auf. Beim Gedanken, jetzt wieder Vollgas zu geben, rollen viele von uns nur noch erschöpft mit den Augen.

8) Auf Instagram markiert mich ein lilafarbener Schokoladenhersteller ständig gegen meinen Willen. Nehmt Eure Naschboxen und verzieht Euch.

9) Meine sonst robusten und gesunden Kinder jammern zwar nicht über die Krise, aber ständig hat jetzt einer Wehwehchen: Pflaster hier, Aua dort - alles Phantome, aber auffallend viele. Seelen-Schürfwunden. Ich bin nicht mehr so geduldig wie am Anfang.

10) Ausgerechnet drei Meerschweinchen haben uns durch die Krise gemümmelt. Drei Fellknäuel, deren therapeutischen Sinn ich lange negiert habe. Jetzt sitze ich oft vorm Gehege im Garten und schaue den rasenden Klobürsten bei dem zu, was wir auch alle seit Monaten tun: Nichts. Bisschen knabbern, hin und herlaufen, chillen. Ab und zu vollbringen die Tierchen allerdings etwas Wunderbares: Sie hüpfen wie von der Distel gestochen in die Luft. Kurz davor, die Viecher um Arzt zu bringen, konsultierte ich google. Und siehe da: Die Luftspringerei nennt sich Popcornen und ist Ausdruck von: Lebensfreude. Ist das nicht rührend?


Ich wünsche mir, dass wir alle bald wieder popcornen können.



































© 2017 by Anna Gelbert © 2017 Photos by Schoko-Auge

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