• Anna Gelbert

Das Krisus - Der Geht-So-Sommer geht



Bilanz bisher: Eine Gemenge-Lage aus „geht’s noch“ (an die Demonstranten), „geht so“ (meine Laune) und „wird schon“ (die Hoffnung auf bessere Zeiten).

Nach einem holprigen Urlaub in Südfrankreich (das hätte ich auch zum Risikogebiet erklärt, aber ganz ohne Covid-Dix-Neuf) stehe ich vor einem heißen Herbst. Ich hätte nach einem Höllen-Juli dringend All Inclusive gebraucht. Eat, read, sleep, repeat. Stattdessen: Ein Land voll ruppiger Egoisten und überbewertetem Essen, endlose Stunden im Stau auf dem Weg zum Leclerc-Supermarkt, winzige Bettchen. Ich fühlte mich wie in einer Zeitkapsel in die 80er zurückversetzt, als ich auf einem Zeltplatz bei Montpellier die Sekunden bis zur Abreise zählte. Süße Bikini-Girls, die nie zu essen scheinen, Teenie-Jungs mit Knatter-Mofas und blondierten Neymar-Frisen, Tina Turner auf Radio Monaco und jede Menge Rosé, der das Elend kurzfristig erträglich macht. Ein Ort, an dem keiner Englisch spricht (ich spreche zwar Französisch, aber hier geht’s ja ums Prinzip) und jeder die Touristen hasst.


Kann man eigentlich sagen, wenn der Urlaub beschissen war? Ich finde, ja. Selten so wenig erholt. Immerhin: Selten so viel gelacht. Aber meine „How to be Parisian wherever you are“-Bücher, Stil-Bibeln, in denen feingliedrige Pariserinnen mit Schmollmund und Wuschelmähne in Cafés ihre nächste Affäre scannen, während sie an Salat mit Ziegenkäse knabbern und sich mit übergroßen Ärmeln an Café-au-Lait-Tassen festklammern - die kommen jetzt nach hinten ins Regal. Danke fürs Wecken, Sommer 2020!


In einer Woche startet die Schule wieder – und ich plane eine Eltern-Demo, weil ich ahne, dass unsere Unbill-dungseinrichtungen nach spätestens zwei Wochen wieder geschlossen sind.

In meinem nächsten Leben werde ich Kulturministerium und spiele Schul-Schnick-Schnack-Schnuck: Ferien schlagen Arbeit, Datenschutz frisst Kommunikation, Behörden-Phlegma verhindert Tempo, Risikogruppen-Belegschaft vernichtet konstanten Unterricht. So lange, bis einer weint.

Für mich gibt es nur eine Lösung, denn nochmal mache ich kein wochenlanges Home-Schooling zwischen Home-Office und Herd-Horror: Boykott! Schließt Ihr die Schulen, machen wir: Nichts. Die Regierung hat in drei Schüben mehrere Milliarden in die Bildung gepumpt – abgerufen wurde zumindest in Bayern nur ein winziger Bruchteil. Das Problem auf die Schultern der Eltern zu verlagern und ihnen mit drei Scheinen Kindergeld das Maul zu stopfen, wird nicht mehr funktionieren.


Der Sommer 2020 war heiß, hat aber keine Highlights. In der Ferne knurrt das leise Donnergrollen des herannahenden Herbstes. Die Regenwolken tragen alle das Gesicht von SPD-Gesundheits-Mahner Lauterbach. Der Berufs-Spaßverderber liegt sicher richtig mit seinen düsteren Prognosen. Noch immer möchte ich das Virus nicht haben – und impfen lassen will ich mich nach der Minus-Rekord-Forschungszeit auch nicht. Und doch sorgt jeder Tweet des Fliegen-Mannes für eine Trotzreaktion meinerseits. Er hat ja Recht. Er nervt. Er hat ja Recht. Und so verharre ich in einer geduckten Starre, freue mich über jede Latte Macchiato im Straßencafé – wer weiß, wie lang das noch möglich ist.

Der Geht-So-Sommer entpuppt sich als Rohrkrepierer. Irgendwo auf halber Stecke verpufft seine Kraft. Normalerweise beendet die Wiesn die Münchner Sonnen-Saison mit einem charmanten Knall. Auch das wird diesmal nichts. Leise schleicht er sich wieder davon, der Sommer, so, als wolle er sagen: „Hey Leute, ich hab’s wenigstens versucht“. Und wir so: „Servus, Sommi, lass es uns einfach nächstes Jahr nochmal versuchen. Dann wird’s ganz sicher was!“

Jetzt ziehen wir uns besser warm an.




© 2017 by Anna Gelbert © 2017 Photos by Schoko-Auge

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