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Das Krisus - Woche 2 - Die Stimmung kippt

March 26, 2020

 

 

 

Wann sind wir endlich dahaaaaa?

Während einige von uns daheim mit Home-Office, Lehrer-Aufträgen (was machen die eigentlich, nachdem sie SENDEN gedrückt haben? Schon klar, viele sind aktiv. Ich meine die Anderen), Haushalt und Nervenzusammenbruch jonglieren, kämpfen andere in der Klinik am Ende der Straße mit verklebten Lungen um ihr Leben. Während die Polizei Paare auffordert, von Parkbänken aufzustehen, beantragen Kleinunternehmer Staatshilfen. Und alle, alle fragen sich: Wie lange noch? Erste Schätzungen: Nach Ostern, sagen die, für die das Gin-Tonic-Glas immer halb voll ist. Juli sagen die mit etwas schwererem Gemüt. Fühle mich wie ein Kind auf der verkotzten Rückbank, damals, als man noch mit dem Auto nach Spanien fuhr: "Mama, Papa, wann sind wir endlich daaaa?". Aber wen frag ich: Södi? Angie?

Böhmermann und Schulz, Lobrecht und Schmitt, Drosten und der NDR - Podasts und Sport halten mich in diesen Tagen über Wasser. Alkohol hat sich als Trugschluss erwiesen. Bringt kurz Linderung, dann Schlaflosigkeit und Extra-Kilos - und verfettet will ich nach dieser Zeit sicher nicht in den Sommer starten, der garantiert kommen wird.

 

Männer-Home-Office ist wertvoller

Weitere Erkenntnisse aus dieser zweiten Woche Verkapselung: Männer-Home-Office scheint irgendwie wichtiger zu sein als Frauen-Home-Office. WARUM? Für Frauen bedeutet diese Zeit: Mit einer Hand Pfannkuchenteig rühren, ein Ohr per Earpiece am obligatorischen Call, das andere offen für Kinderfragen, die freie Hand wischt nebenher klebrige Flächen ab. Denn die Putzfrau darf jetzt auch nicht mehr kommen, leisten kann die sich bald eh keiner mehr. Deadlines, Jour Fixes, der Druck ist jetzt 5-fach. Männliche kinderlose Freunde putzen und glotzen und langweilen sich. Mütter rödeln jetzt noch mehr. Für viele Männer sieht Home-Office so aus: Home-Office. Punkt. Gerne verschanzen sie sich (nicht alle, jaja) acht Stunden hinterm Computer - wie immer halt. Jetzt kommt die Abrechnung für das Familienmodell der letzten Jahre. Wer ein bisschen Teilzeit zugearbeitet hat, ist jetzt zu 100 Prozent der Care-Tony. Nach der Krise kommt die Rache. Wer jetzt alleine ist, fühlt sich einsam, hat aber wenigstens kein Beziehungs-Corona. "Hat ihr Ex auch schon angrufen?", fragt die Bild. Nö. Der brächte mich jetzt auch nicht weiter.

 

"Krise? Ist der Taittinger etwa alle?"

Im Netz kursiert ein verstörendes Video von Madonna: Die Diva, mit weniger Gesichtshaut als der Glööckler und riesigen Sofakissen in den Wangen, sagt, Covid-19 sei ein Gleichmacher. Unrecht hat sie nicht, auch wenn die Heldin meiner Jugend ihre Dollar-Schäfchen alle im Trockenen hat. Ob Oscar-Gott-Tom Hanks. (Apropos, was macht eigentlich Gott? Ist das hier so eine alttestamentarische Straf-Nummer?), Prinz Charles im Palast oder Kevin aus dem Block im Norden der Stadt, alle können es kriegen - auch wenn die Quarantäne in Clarence House sicher ein bisschen netter ist. Leute, die sich auf exponentiell steigende Immobilienpreise verlassen haben, verzweifeln: "Krise? Ist der Taittinger etwa alle?". Sie müssen jetzt sehen, wo sie bleiben (also in welchem ihrer vielen Wohnsitze). Leute, die seit Jahren Privatiers waren, während wir uns jeden Tag 10 Stunden krumm gemacht haben, stehen zum ersten Mal vor der Frage, wie es wohl ist, zu arbeiten und Miete zu zahlen. Link ist das Virus. Ist es vielleicht auch links? Branchen, die unfassbar liefen, brechen jetzt ein. Airlines runter, Supermärkte rauf - so schnell wendet sich das Blatt. In Krisenzeiten gibt's eben Kriegsgewinnler. Ein Hoch auf den Trigema-Boss, der seine Sportartikelherstellung kurzerhand auf Mundschutzproduktion umgeswitcht hat. Er rettet Arbeitsplätze, rettet Leben  - und seinen Laden. Winwinwin. Was macht eigentlich Greta in ihrer Quarantäne? Hey, Greta, Dein Traum wird wahr: Das Wasser in Venedig ist klar, die Delfine sind zurück, der Smog über China ist besser. Reiserei killt Klima. Wir alle müssen uns fragen, ob wirklich jeder Bowlingclub aus Bottrop auf Bali am Beach bechern muss.

Und noch was: Warum sind lebensrettende Artikel in Online-Medien immer noch hinter einer Paywall versteckt? Gebt das Zeug frei, Himmeleins!

 

Wie ist Eure Gemütsverfassung so in diesen Tagen?

Meine Stimmung nach dem Schock und dem Zusammenhalt der ersten Woche: Dampfbad mit Kneipp-Dusche. Hysterisches Lachen, Zukunftsangst, Zuversicht, Schockstarre, Tanzen in der Küche, Sorgen, Pflichtgefühl, Scheiss-egal-Stimmung. Es ist beglückend und gleichzeitig extrem anstrengend, Kinder gut durch diese Zeit zu begleiten und zu versorgen. Ich denke an die Familien, in denen Kinder mit Vernachlässigung und Gewalt klarkommen müssen. Wer hilft denen jetzt?

 

Liebe Lehrer*innen - Applaus gibt's nicht, aber ein Danke!

Schulisch kann ich jetzt ungefähr einschätzen, was Mathe-Müller und Studienrätin Meier leisten. Das finde ich durchaus überschaubar (ich weiß schon, normalerweise ist das noch viiiiel mehr). Psychologisch aber ziehe ich meinen Hut vor ihnen (also den meisten). Jeden Tag 20-30 Kinder im Zaum zu halten, aufzufangen, zu pushen oder zu bremsen und mit Wissen zu betanken - das ist ein Job, dem all meine Anerkennung gilt. Hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde.

Und so schließe ich meine Beobachtungen mit der alles umspannenden Dankbarkeit, dass niemand, den ich kenne, erkrankt ist. Ich freue mich, wenn die Kocherei (die als Ablenkung und Familienzusammenhalt-bringendes Element durchaus ihre Berechtigung hat) bald Pause einlegt und ich im Restaurant wieder bestellen und genießen kann. Ach ja, eine Diät mach ich auch noch, wenn's gerade eh schon freudlos ist.

 

Stand der Dinge: Bisschen geht noch

Ein paar Wochen halten wir noch durch. Wir haben schon ganz andere Zeiten durchgehalten. Resilienz ist eben nicht nur ein Wort aus einem Workshop. Wir können das alle. Die Krise wird vorbeigehen. Wir werden aufleben. Aber es muss bald eine Perspektive geben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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