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Liebe Generation Puderzucker,

October 15, 2018

 

 

ich weiß, in unserem Land geht es vielen Kindern schlecht, das ist an sich schon ein Skandal.

Aber ich schreibe heute gezielt an den Rest, die jetzt 0-30-Jährigen, denen es an nichts mangelt - außer an Freiheit.

 

Plötzlich sind alle GRÜN

Einen Tag nach der Landtagswahl in Bayern. Auch ich habe GRÜN gewählt, das neue Sammelbecken für Idealisten, Umweltschützer, Pragmatiker, Aktivisten, Mülltrenner, Liegerad-Fahrer, Christen, Intellektuelle, Impfgegner, Hambi-Supporter, reiche Biomarkt-Besucher, Babybrei-Selberkocher, Zur-Arbeit-Radler, Wanderfreunde, Champagner-Linke, Klima-Kämpfer und vermeintlich weltoffene Demo-Snobs ("Meine Putzfrau kann ruhig Kopftuch tragen"). 

Ich habe sie gewählt, weil ich es schätze, dass sich Leute noch Gedanken darüber machen, wie wir eigentlich in Zukunft leben wollen, in was für einer Welt unsere Kinder aufwachsen sollen. Und, weil sie den Eindruck machen, dass es nicht nur um ihren eigenen Allerwertesten geht. Nennt mich naiv, aber ich glaub das jetzt mal.

 

Und hier kommt Ihr ins Spiel, Millennials. Ich freue mich, dass viele von Euch wieder richtig politisch sind. Trotz Insta und Snapchat gibt es doch für viele von Euch ein Leben abseits von Gym-Proteindrink-Stumpfsinn und Party. Bzw - warum nicht gleich alles kombinieren? Ich finde das toll, auch wenn mich auch nicht jedes Thema zu einer Demo treibt.

 

Allerdings frage ich mich: Werden die Kids, die jetzt heranwachsen, auch so engagiert? Oder züchten wir gerade die Generation Puderzucker heran, die nichts mehr muss und alles darf (außer Süßes essen)? Oft sehe ich Eltern auf dem Spielplatz, die sich im Arbeitsleben durchgebissen haben, mit Fleiß, Disziplin und hier und da mal einem Ellenbogen-Bodycheck. Die wundern sich, dass ihr Nachwuchs sich nicht allein auf die Babyrutsche traut und weint, wenn ihm niemand auf dem Bolzplatz den Ball zuspielt. Hilfe, mein Kind ist eine Memme - steht ihnen über der Designerbrille auf die Stirn geschrieben.

Stehen die Kinder von heute auch irgendwann als Sieger auf einer Parteibühne, nach einem monatelangen, zermürbenden Wahlkampf? Oder schauen sie lieber daheim auf dem Sofa eine Serie?

 

Der Fußballverein meines Sohnes bestritt früher äußerst gern Auswärtsspiele gegen Grünwald. 

Lange galt die Losung (das hat sich seither sicher geändert, sorry Grünwald!), die Kids im Bling-Bling-Vorort haben keinen Ehrgeiz. Für die geht's um nichts: Papa reich, Mama schön, nach der 0:9-Pleite wartet der Cayenne mit vorgeheizten Sitzen, nix wie heim ins Traum-Zuhause. Die anderen sind die Verlierer. Immer.

 

Aber auch in der Mitte und am unteren Rand des Mittelstandes haben wir es zunehmend mit Kindern und Jugendlichen zu tun, die ein Leben lang mit Puderzucker-Rückenwind funktionieren. Auch ich nehme meinen Kindern oft den eigenen Antrieb, indem ich alle Hindernisse aus dem Weg curle und versuche, jedes Detail ihres Lebens zu managen. Mein Energiehaushalt rutscht darüber gern mal ins Minus. Gecheckt? Wir Eltern sind überlastet, die Kinder überbehütet. So weit so bekannt.

 

Beim Gespräch mit der Personalerin eines Konzerns - huch, es heißt ja Human Ressources - stellte sich neulich heraus, dass diese Ressources leider kein stetig sprudelnder Quell von Irrsinns-Talenten sind, sondern mittlerweile ein Kampf um Millennials und ihre überhöhten Ansprüche ans Leben. Natürlich: Seit der Geburt impfen wir unseren Kindern ein, dass sie einzigartig, talentiert, genau richtig sind, zu (fast) nichts mehr verpflichtet, das Leben ein einziger großer Drive-In mit Kartenzahlung.

 

Stoßen also diese jungen Leute auf einen Arbeitsmarkt, wird's tricky: Sie fordern viel, weil sie es so verinnerlicht haben, achten extrem auf ihre Work-Life-Balance und wechseln, sobald ihnen etwas nicht mehr passt. Womit man sie locken kann? Das versuchen HR-Experten auf der ganzen Welt herauszufinden. Ich weiß nur eins: Die Burnout-Kliniken werden mit dieser Generation wenig Arbeit haben. Vielleicht sind sie auch einfach klüger als wir.

 

Aber: Wie kommt der Kampfgeist ins Kind?

An welcher Stellschraube müssen wir Eltern drehen, um aus egozentrischen Jugendlichen Menschen zu machen, die wieder kämpfen wollen, die Lust auf Leistung haben, auf Engagement? Wir sind das erste Vorbild, schon klar. Aber echten Biss entwickelt nur derjenige, dem etwas fehlt, dem nicht alles mundgerecht vorgekaut wird. Alles andere ist "Uns- geht's-wunderbar-wir-wollen-etwas-zurückgeben"-Charity. 

 

Wenn sich jetzt die Weichen fürs Land neu stellen, sollten wir uns auch darauf einstimmen, Leute ins Leben zu schicken, die mehr vom Leben wollen als Netflix und youtube, die aufs Gas gehen, etwas auf die Beine stellen, mal eine Durstrecke durchstehen, an eine Sache glauben und sie auch vertreten - egal, gegen welche Widerstände.

 

Und die Zeit, die ich mir spare, wenn ich nicht mehr jede Sekunde im Leben meiner Kinder steuere, könnte ich ja eigentlich auch mal sinnvoll verbringen und versuchen, die Welt ein bisschen besser zu machen.

 

Also, wo fang ich an?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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