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"Ich war's nicht - oder doch?" - Die Online-Beichte

March 21, 2018

 

 

Als ich mir heute früh mein Parfum aufsprühe, stutze ich: "Gucci Guilty"!

Kurz darauf im Auto, Ed Sheeran und Eminem jammern und wettern im Radio:

 

I've been a liar, been a thief
Been a lover, been a cheat
All my sins need holy water, feel it washing over me

 

Das trifft mein Lebensgefühl. Ich fühl mich schuldig. Prinzipiell.

Wenn ich mit dem Auto in eine Grenzkontrolle gerate, hyperventiliere ich. Die drei Male, die ich in meinem Leben schwarzgefahren bin, haben mir etliche graue Haare beschert. Am liebsten hätte ich mich in den Führerstand gestürzt und durchgesagt, nein geschrien: "Achtung, liebe Fahrgäste, in Wagen 3 sitzt eine Schwarzfahrerin. Sie erkennen Sie an starkem Schwitzen, hektischem Augenrollen und unnötig vielen Bewegungen." Ich wollte schon in Prozesse eingreifen, weil ich diese langen Anklagephasen nicht ertrage. Aber in Südafrika bei Oscar-Pistorius anrufen und sagen "Hört auf mit den Verhören, ich war's!", nur, weil man die Nerven verloren hat? Keine gute Idee. Bei der Arbeit bewundere ich die Männer, die bei eigenen Fehlern einfach ein Pokerface aufsetzen: Keine Ahnung, wer das verbockt hat. Wow. Beneidenswert. Ich bin paranoid, was Nah-Ost-Reisen angeht, seit ich mich neulich zu einer politischen Diskussion mit einem Trampolinbetreiber (!) hinreißen ließ. In meinen Alpträumen sitze ich morgens beim Hotel-Frühstücksbuffet und nachmittags im Knast, und Politiker müssen hektisch über meine Auslieferung verhandeln.

 

Ist Schuldgefühl vielleicht so ein Frauending? Mal sehen, was Wikipedia dazu sagt:

 

In der ursprünglich auf Freud zurückgehenden Tiefenpsychologie wird das Schuldgefühl durch das „Über-Ich“ ausgelöst. Die Fähigkeit zum Erleben von Schuldgefühlen und deren Auslösbarkeit durch charakteristische aktuelle Lebensereignisse wird nach analytischen und tiefenpsychologischen entwicklungspsychologischen Theorien innerhalb charakteristischer Lebensphasen in der Kindheit erworben.

 

Ah ja. War klar. Kindheit.

Wie kann es sein, dass die Leute, die einen perfekten Job gemacht haben (meine Eltern) rückwirkend an allem schuld sein sollen? Wo soll ich anfangen? Es ist wie, eine Nadel im Heuhaufen zu suchen oder einen Biertrinker im Fußballstadion oder eine Influencerin auf der GLOW.

Ich könnte jetzt bei der Erziehung meiner Kinder genau Buch führen, damit sie später beim Analytiker auf den Punkt wissen, wo sie ansetzen sollen. "Ah hier, 8.4.2016, da hat Deine Mutter Dich angemotzt, weil Du zwei Teller innerhalb von fünf Minuten mitsamt Inhalt auf den Teppich geknallt hast - 120 Euro bitte!" Das macht es allen leichter.

Kennt Ihr das Gefühl, immer genau NEBEN dem rechten Weg zu sein? Das fühlt sich an, als hättet Ihr einen Hauptstadt-Flughafen gebaut, den jetzt keiner will. Oder, als hättet Ihr angekündigt, die Strecke München-Berlin in unter 4 Stunden zu schaffen. Haha.

Fakt ist: Je älter ich werde, desto mehr Leute schmieren mir meine Fehler (echte und vermeintliche) aufs Brot (bzw. in den Joghurt, weil ich mit Brot aufgrund der neuen Low-Carb-Policy Schluss gemacht habe). Überall Vorwürfe: Die Kinder: Du zwingst uns zum Baden. Die Eltern (meine nicht mehr): Du hilfst uns gegen unseren Willen. Die Freunde: Du machst Dich rar. Dein Instagram-Account: Du hast lang nichts mehr gepostet. Dein Arbeitgeber: Du musst noch effizienter werden. Dein Versicherungsfritze: Du musst jetzt Riestern .Deine Waage: Du musst JETZT Intervall-Fasten.

Gestern beim Telefonat mit einer mir sehr nahestehenden und lieben Verwandten. "Anna, Du hast in Deinem Leben schon so viel Scheiße gebaut!"

Das ist ohne jeden Zweifel richtig.

Aber bin ich die Einzige? Ich will hier eine Online-Beichte ablegen (wäre vielleicht angemessener, wenn es in Richtung Check-Out am Lebensende geht, aber wir sehen das mal als eine Art Zwischenzeugnis):

Ja, ich habe in meinem Leben viel Mist gebaut. Aktuell, also für März 2018 kann ich allerdings nur folgenden Fehler-Stand angeben: Ja, ich gebe zu viel Geld aus. Ja, ich fahre meine Kinder (selten) unnötig scharf an. Ja, ich fühle mich geschmeichelt, wenn mir fremde Männer mailen. Ja, ich mache meinem Freund manchmal unsinnige Vorwürfe. So weit so sündhaft

Was noch? Ich werfe manchmal Glasflaschen in den Müll, ich vergesse ab und zu, die Putzfrau in der Firma zu grüßen, ich lästere über andere Mütter.

Das war's dann aber schon. Irgendwelche Straftaten dabei? Irgendein schweres moralisches Vergehen? Grobe Fahrlässigkeit?

Ich bemühe an dieser Stelle mal den UR-Hipster: Jesus. Über den kann man denken, wie man will, aber er hatte ein paar richtig gute Leitsätze. Zum Beispiel diesen hier aus dem Johannes-Evangelium:

Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.

Das geb' ich hier einfach mal ganz locker in die Runde (stellt Euch vor, wir tragen alle Wollsocken und sitzen in einem Wochenend-Psycho-Seminar). Wir alle machen Fehler. Täglich. Stündlich. Oft kann man sie geradebiegen, manchmal fällt der Blick in den Spiegel schwer  - und meistens geht es irgendwie weiter.

Bis dahin versuche ich mal dieses Motto: Never complain, never explain. Beschwer Dich nicht, erklär Dich nicht. Der Spruch stammt weder von der Queen noch von Karl Lagerfeld, sondern von Benjamin Disraeli, der zweimal (1868 und 1874-1880) britischer Premierminister war - falls Ihr mal in einer Quizshow landet.

 

So, und jetzt gehe ich mal in meinen Tag, der sicher wieder gespickt voll mit Fehlern ist.

Die Absolution erteile ich mir gleich mal selbst!

 

 

 

 

 

 

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