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Eat the Rich - "Ist die Dorade denn BIO?"

February 12, 2018

 

 

 


 

 

 

Wir können Autos bauen, Fußballer-Legenden schaffen und Oktoberfeste ausrichten. Aber nirgendwo sind die Münchner so gut wie beim Essengehen. In dieser Stadt gibt es laut einer Studie aus dem letzten Jahr 130 000 Millionäre - mehr als ins Los Angeles! Allerdings gehen die nicht alle essen. Ein paar sind, nun ja, etwas eigen.

Da gibt es zum Beispiel die Dagoberts: Sie horten ihr altes Geld, kaufen beim Discounter ein und schleichen möglichst unauffällig durch ihren Vorort, damit sie niemand anschnorrt, entführt oder in den sozialen Medien outet. In der Regel haben sie verhärmte Gesichter, weil sie seit Jahren mit den Mietern ihrer zahlreichen Immobilien vor Gericht stehen, und natürlich sind sie mit ihrer Familie ob irgendwelcher Erbstreitigkeiten im Clinch. Essen geht diese Spezies selten - oder nur ins Wirtshaus am Eck. Könnte ja was kosten.

 

Die anderen Münchner, egal ob wohlhabend oder einfach lebenslustig, spachteln, bis es kracht. An einem ganz normalen Sommerabend platzt jedes Restaurant mit Außenbestuhlung aus allen Nähten. Weißweinkühler stehen wackelig auf dem Asphalt, ab dem frühen Nachmittag gibt es kaum einen Tisch ohne Aperol-Deko und Dutzenden von Tellern. Ich lebe seit 20 Jahren hier - und komme mir immer noch vor wie in einer Folge von Kir Royal.

 

Wie isst München?

 

Teenies gehen zur Burger-Kette oder zum Döner-Mann. Kosten: 7 Euro. Sättigungsgefühl: Kurz und heftig.

Familien gehen in den Biergarten oder in eine dieser Italo-Ketten, die Winterreifen-große Pizzen bringen und Pastagerichte in Bulimie-Größe. Kosten: 15 Euro pro Kopf. Sättigungsgefühl: Totaler Magenkollaps.

Freundesgruppen lieben Burger-Läden mit XXXL-Pommes und Vollkorn-Brötchen, schon die Tische sind auf 10-er Kumpelgröße ausgelegt, Halbliter-Cocktailgläser sagen: Dieser Abend ist noch laaange nicht vorbei. Kosten: 20 Euro pro Nase. Bauchgefühl: Ab jetzt passt nur noch Alkohol rein.

Angehende Fußballerfrauen gehen zu DEM Innenstadt-Italiener, in der Hoffnung, dort auf einen Kicker zu treffen. Essen werden sie allerdings nur, wenn jemand sie einlädt. Später, wenn die eine oder andere es nach Grünwald geschafft hat, erinnern sie sich schaudernd an diese Zeiten. Kosten: 0. Sättigungsgefühl? 0.

Gutsituierte Familien zeigen ihre Weltläufigkeit gerne, indem sie mit ihren Kindern in Edel-Vietnamesen (in Berlin sind es Koreaner) mit sündhaft teurem Interieur gehen - und dort die Kellner mit Sonderwünschen in den Wahnsinn treiben. Natürlich können alle mit Stäbchen hantieren, und natürlich fällt hier selbst Siebenjährigen auf, dass die Tom Kha Gai mit zu wenigen Kaffirlimettenblättern zubereitet wurde. Kosten: 150 Euro. Daddy zahlt mit Karte und ist sauer, weil wieder niemand außer dem Au Pair aufgegessen hat.

Männerabende finden gern in den aus dem Boden sprießenden Fleisch-Boutiquen statt. Ein Kellner mit Hosenträgern hält dem an teuren Rotweinen nuckelnden Männertrupp große Fleischklumpen aus der Glasvitrine unter die Nase - und dann wird gefachsimpelt, bis der Koch kommt. Für Außenstehende klingt das wie eine Obduktion, ist aber nur ein zünftiges Get-Together zwischen Smoker-Besitzern. Kosten: 300 tutti completti. Jeder legt was hin. Alle satt, alle blau, alle happy.

Mädelstrupps gehen gern vegan essen, zwischen Hummous-Berberitzen-Vorspeisen und Mangold-Rollen wirkt der Weißwein schneller. Zwar krümmen wir uns später vor Verdauungsproblemen, dafür war der Abend mega.

Pärchen gehen gern in Brasserien. Die Austern versprechen, ein bisschen Würze in den Abend nach dem Abend zu bringen, die Stimmung mutet frivol an – wenngleich echte Franzosen hier noch seltener anzutreffen sind als Felsenaustern.

 

Vor einem Gericht habe ich mittlerweile Angst: Vor der Dorade. Der Lieblingsfisch der Münchner wird in JEDER geselligen Runde bestellt - und zerlegt. Wer etwas auf sich hält, führt die Autopsie noch am Tisch selbst durch. Dankenswerterweise übernimmt das manchmal der Kellner - und transportiert die Überreste flink ab. Ich saß schon ganze Abende lang neben einem aufgeklappten Körper und habe in das aufgerissene Maul des Tieres gestarrt, das am Gespräch teilzunehmen schien. Ich schwöre, irgendwann sagt mal ein Fisch: „Find ich auch total scheiße, dass er nicht angerufen hat!“

 

Wer München und die Münchner richtig kennenlernen will, der sollte nicht auf Sightseeing-Tour gehen, sondern sich einfach von Lokal zu Lokal schlemmen. Ja, es ist oft teuer und oft ärgerlich. Aber: Zwischen Rosato und Pad Thai, zwischen Protzen und Probieren offenbart sich eine echte Genießer-Seele. Krise? Welche Krise? Ist der Sancerre etwa schon alle?

 

Neulich saß ich in einer Runde mit einem Mann aus Afrika - charmant, belesen. Der hörte sich eine zehnminütige Diskussion über Tartar ruhig an und sagte nur staunend: "Bei uns spricht man nicht über Essen. Nie."

Sollten wir uns manchmal zu Herzen nehmen. Denn es gibt Abende, die schwer im Magen liegen, wenn folgende Leute mit am Tisch sitzen:

 

Weinkenner

Champagner-Klugscheißer

Leute, die eine Alkohol-freie Phase einlegen ("Nur bis Ostern!")

Alkoholiker (immer teuer)

Hobbyköche ("Also, das Vitello war beim letzten Mal zarter")

Veganer ( ich)

Leute auf Diät (ich)

Leute, die leugnen, dass sie auf Diät sind ("Ach, ich wollt's einfach mal bisschen langsamer angehen lassen!")

Ayurveda-Jünger ("Ich bin der Vata-Typ! Ich soll keine Bohnen essen, außer Mungobohnen - Habt Ihr Mungobohnen?")

Säure-Basen-Faschos ("Habt Ihr gewusst, dass wir ALLE übersäuert sind?")

Paleos, Clean Eater und Metabolic Balance Freaks

Zerstrittene Paare mit diesem Darüber-reden-wir-später-Blick

Leute, die zum Abschied sagen "Lass uns das unbedingt bald wiederholen!" Die siehst Du vermutlich nie wieder.

Leute, die früh müde werden (ich)

Trip-Advisor-Petzen mit dieser Das-schreib-ich-gleich-Genugtuung im Blick (ich)

 

Huch, ich merke gerade, da treffen ziemlich viele Punkte auf mich zu. Vielleicht klink ich mich mal für eine Weile aus?

 

 

Die Rechnung, bitte!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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