• Anna Gelbert

Schimpfst Du noch - oder preppst Du schon?



Das Goodbye-Deutschland-Feeling

Ich komme gerade aus dem griechischen Kos zurück, wo ich weder Flughafenchaos noch Personalmangel vorgefunden habe. Alles summte und brummte, und meine Familie und ich konnten die Energietanks mit Glück und Zuversicht auffüllen. Das Leben schien - vielleicht waren wir zu naiv - so leicht dort: Die Leute haben Olivenöl, Fisch und 360 Sonnentage im Jahr. Da gerät man schon mal ins Goodbye-Deutschland-Träumen. Zurück in München: Kofferberge, Wartezeiten, Nervenkrebs.


Mit Chanel durch die Krise

Mit einer Kollegin habe ich um ein Chanel-Lipgloss gewettet, wann der Blackout kommt. Dass er kommt, stellt kaum noch jemand aus meinem Umfeld infrage. Ich glaube: Noch im Spätherbst. Sie setzt auf Januar 2023. Vielleicht liegt die Wahrheit wie so oft in der Mitte, und wir sitzen Ende Dezember im Fußball-Nationaltrikot fröstelnd vor der dunklen Glotze. Ein Kerzen-Weihnachten, auch mal schön. Vielleicht täuschen wir uns aber auch beide, und es passiert: nüscht. Umso besser.


Preppen, bis der Arzt kommt

Auf den anderen Fall habe ich mich nach anfänglichem Sträuben vorbereitet. Seit Wochen stocke ich meine Vorräte auf. Bin ich jetzt zum durchgeknallten Prepper-Depp geworden? Nein. Aber die Warnungen von offizieller Seite mehren sich. Täglich haut eine Zeitung Notfall-Listen raus, und zum Einkaufen muss mich niemand zweimal auffordern. Also: Mein Keller ist bumsvoll. Als ich klein war, hatte meine Oma - wie die meisten ihrer Generation - Regale mit Kompott und Konserven im Haus. Jetzt trete ich ihr Obst-Erbe an, denn vielleicht geht's bald ans Eingemachte. Kein Wunder, dass wir der Queen alle so hinterhertrauern. Die gehörte dieser Generation an. Vielleicht in ihrem Fall ohne Hunger, aber mit dem Biss gesegnet, der so einen Laden zusammenhält.


Kammer voll, To-Do-Liste leer

Vom Buckingham Palace nach Schwabing: Ein paar Wochen könnten meine Kinder und ich bei Ramen-Suppen und veganer Dosenravioli durchmampfen, bis hoffentlich eine Lösung gefunden ist. Gaskartuschen, Kerzen und Drogerieartikelnachschub? Alles am Start. Zur Not dusche ich bis ins Jahr 2030 mit demselben Entspannungsschaum. Ist das übertrieben? Vielleicht (Ich kenne auch Leute, die sich 20 Ster Holz oder gleich eine Kuh angeschafft haben. Das ist mir too much.) Aber ich verspreche Euch: Wenn die Vorratskammer voll und die To-Do-Liste leer ist, schlaft Ihr besser.


The Wiesn - jetzt erst recht!

Der Blackout ist ja auch nur ein mögliches Zukunftsszenario. Bleiben wir lieber in der Gegenwart. Die ist noch halbwegs komfortabel: Wir fliegen weniger, tanken seltener und kaufen smarter ein. Ansonsten machen wir alles wie immer, schimpfen - und warten ab. Ach ja: Und wir machen Party. Sechs Millionen Leute werden nach zwei Jahren Abstinenz ein Oktoberfest feiern, das von einer Society-Reporterin neulich als "The Wiesn" beraunt wurde. Auch ich werde natürlich dabeisein. Wer weiß, wie schnell das wieder möglich ist.


Vorsorgen statt ärgern

Aber wenn die Pleitewelle im Herbst richtig anrollt, wenn Millionen Existenzen bedroht sind, hört bei mir der Spaß auf: Natürlich gehe ich demonstrieren. Sofern die Proteste zivilisiert und vernünftig ablaufen, nicht von Irren organisiert sind und sich in legalen Grenzen halten, bin ich draußen - und frage mich, wieso das nicht alle tun. Pragmatismus und Vernunft sind aktuell offenbar eher beim Volk anzutreffen als bei den Regierenden. Auch hier gilt: Ärgern nützt nichts, vorsorgen schon.


Wir sehen uns im Supermarkt.