• Anna Gelbert

Scherbensommer: Agree to disagree!




Wieder ein Morgen, an dem ich mit knirschenden Reifen und Zähnen durch ein Meer zerborstener Bierflaschen radle. Die Stadt ist jetzt halboffiziell Partymeile, die Polizei scheint angesichts der rülpsenden Horden längst kapituliert zu haben. Tausende drängen sich, nicht nur in den Stadien, sondern auch in den Straßen. Das ist einerseits schön (und ich war die Erste, die sofort in allen Cafés saß, manchmal dreimal am Tag), andererseits ist es gruselig. Denn wo waren all diese Leute, als es um sie selbst ging? War das von Anfang an das Hauptthema: Feiern? Ja was überhaupt? Den saisonalen Rückgang? Die Wochen vorm Herbst, wenn es wieder losgeht? Unseren Zusammenhalt?


Denn den sehe ich nicht. In diesem Sommer, in dem die Freibad-Codes heißer gedealt werden als Drogen, und in dem täglich zu lose verpackte Erdbeeren in meine restlichen Einkäufe kullern und alles vermatschen, zeigt sich: Unser Leben ist ein einziges Für und Wider geworden, und keiner lässt dem Anderen seine oder ihre Meinung. Nichts ist mehr Privatsache, alle schulden allen eine Erklärung für alles. Hubert Aiwanger muss sich rechtfertigen, warum er eine so weitreichende Entscheidung wie das Impfen gerne noch ein wenig abwarten würde, Malle-Besucher fliegen mit einem extra Koffer voller Vorwürfe in die Sonne: Wie könnt Ihr nur? Wer nicht sprach-gendert, wird als gestriger Vollidiot gebrandmarkt, als Feind der Sache. Wer Söder kritisiert, ist rechts (und war früher links), wer Baerbock verteidigt, hat den Schuss nicht gehört. Es ist der Ego-Sommer des Jahrhunderts: Jeder drückt seine Interessen durch und verbrämt das dann als Gemeinschaftszwang. Ein Blick auf Marie Spahntoinette genügt, um zu verstehen, was ich meine. Ausgerechnet er prophezeite ja, dass wir uns in einigen Monaten viel zu verzeihen haben würden. Wir wären dann jetzt soweit.


Wir alle wollen das Gute, das Richtige tun - und gehen es völlig falsch an. Wir haben uns völlig zersplittern lassen - wie die Bierflaschen. Und das ausgerechnet vor einer Wahl, die eine neue Ära einläuten kann. Die Lobgesänge auf die scheidende Angela Merkel kann ich nicht teilen. Ich mochte die Frau jahrelang. Das war mal. Insbesondere in der Bildungspolitik wird klar, wieviel sie und ihre Regierung verschludert, ausgesessen, gebremst und blockiert haben. Das will ich als Mutter zweier Schulkinder nie wieder haben (daher demonstriere ich auch am 21.7. um 17 Uhr am Odeonsplatz). Es wird Zeit, dass hier Leute rankommen, die ein echtes Interesse an Kindern und Schulen zeigen. Auch diese Meinung muss so stehenbleiben dürfen. Wer Merkel in den verdienten Ruhestand wünscht, ist kein Rechter oder Linker oder gar Staatsfeind - sondern möglichweise einfach genau das: Ein Mensch, der Merkel in den Ruhestand wünscht. Punkt.


Eine Gruppe WissenschaftlerInnen hat jetzt ein Aussöhnungspapier veröffentlicht, das dafür wirbt, die verhärteten Fronten aufzuweichen. Zack, prompt ätzt die Tagesschau: Ein zweifelhaftes Versöhnungsangebot. Herrje. Wir haben uns in einen Meinungs-Landminen-Streifen katapultiert, der hochexplosiv ist - und totaler Schwachsinn. Aus woke, was ja erstmal gut klingt, wurde Woko Haram. Das schreibt Ulf Poschardt von der WELT (und jetzt kreischen wieder welche: Der Typ! Die Zeitung! Geht gar nicht. Seht Ihr, was ich meine?). Das Erregungslevel ist dauerhaft hoch. Unsere Bereitschaft, die anderen Menschen machen zu lassen, dauerhaft niedrig.


Die Diskussionen, die wir noch letztes Jahr geführt haben, sie sind weitgehend verstummt. Zum Teil, weil alle das bisschen Sommerleben feiern (und es sich mit einem Spritz in der Hand nicht gut diskutieren lässt). Aber auch, weil es sinnlos geworden ist, Freunde und Bekannte zu überzeugen. Und hier liegt die große Chance: Agree to disagree heißt die Zauberformel. Du siehst die Maßnahmen unkritischer als ich? So what. Deshalb bist Du noch lang kein Duckmäuser, sondern vielleicht einfach jemand, der vorsichtig und vernünftig agieren will. Ich finde das Gebaren der UEFA ungeheuerlich? Na und? Lass mir das doch. Die Spiele habe ich trotzdem verfolgt. Is dann halt so.


Interessanterweise stürzen sich genau die Leute auf andere, die sich das Gewährenlassen groß auf ihre Fahnen schreiben. Patrick Süßkind sagte mal: "Jenes lauwarme Gefühlsgemisch aus Ekel, Verachtung und Mitleid - bekannt als Toleranz". Diese Toleranz ist uns abhandengekommen. Na, dann verachten und bemitleiden wir uns halt. Aber hören wir auf, uns zu bekriegen. Das lateinische tolerare bedeutet erdulden, ertragen. Ja, warum denn nicht, zefix?


Genauso, wie die Stadt gerade erträgt, was wir mit ihr machen. Es ist eine Explosion der Lebensfreude, die halt mit tonnenweise Müll einhergeht. Die hoffentlich nicht in einen kollektiven Kater mündet, sondern in einen Morgen danach, an dem wir alle gemeinsam aufräumen. Zersplitterung ist nicht gut. Das sagt mir gerade mein Fahrrad - denn diese eine Scherbe, über die ich da fahre, könnte die eine Scherbe zu viel sein.