• Anna Gelbert

Hört auf, die Kinder zu erpressen!


Ich habe lange nichts geschrieben hier. Zu groß ist mein Entsetzen über das, was mit uns allen geschieht. Was mit unserem Land geschieht, auf der ganzen Welt.


Seit heute darf mein Sohn nicht mehr am Leben teilnehmen. Kein Fussball, kein Kino, keine Comedy, kein Schwimmbad. Weil unser regierender Schulhofmobber eine willkürliche Krankenhausbettenzahl festgelegt hat. Für ein System, das er geholfen hat, kaputtzusparen, aus dem reihenweise PflegerInnen flüchten, weil sie keine Perspektive sehen, keine Anerkennung, kein Geld. Sie machen den wichtigsten Job im Land, und das Land applaudiert - und schaut dann wieder weg.


Stattdessen grenzen wir Kinder aus. Zwei Jahre nach dem ersten Lockdown, dessen Folgeschäden vor allem die Psyche, die schulischen und sportlichen Leistungen der Kinder massiv beeinträchtig haben. Die Psychiatrien sind voll, die Kliniken auch. Ich kenne einige Teenager, die gerade dort behandelt werden, seit Monaten aus ihrem Leben gerissen. Ritzen, Essstörungen, Panikattacken - und wir alle schauen weg. Es ist für die gute Sache. Ein bisschen Schwund ist immer. Die hatten sicher vorher schon Probleme. Wir sind so einfältig und hart geworden - und gleichzeitig in einer kollektiven Angstpsychose gefangen. Dabei ist das so grundfalsch. Das System muss den Menschen dienen, nicht umgekehrt. Warum müssen wir einem Staat helfen, der seine Gesundheitsversorgung brutal auf Profit getrimmt hat? Der PflegerInnen und ÄrztInnen ausbeutet und an den Rand der Belastungsgrenze treibt? Der ernsthaft Behandlung für Ungeimpfte verweigert? Was ist mit den Fettgefressenen, den Rauchern, Trinkern, Rasern, Extremsportlern?


Wieder müssen Kinder herhalten, um andere Defizite abzupuffern. Kinder, die mit 12 überlegen müssen, ob eine Impfung für sie sinnvoll ist. Kinder, die in der Schule immer mehr ausgegrenzt werden. Testest Du noch - oder gehst Du schon ins Klassenzimmer?

Klassenreise? Nicht für Dich! Ciao, war schön mit Dir. Die Selbstmordraten werden in die Höhe schnellen, Freundschaften werden zerschellen. Aber hey, es ist für die gute Sache. Irgendwann werden unsere Kinder nur noch mit Impfung 3,4,5 und 6 und digital überwacht am Leben teilnehmen können. Also diejenigen, die nicht mit einer Herzmuskelentzündung im Krankenhaus liegen. Moderna in vier Ländern für alle unter 30 vom Markt genommen, weil ein Jugendlicher von 5000 eine Myokarditis bekommt? Hab ich gar nicht gelesen? Wir schauen weg, weil wir es nicht sehen wollen. Wir nehmen im Kauf, dass unsere Kinder, das letzte Glied der Kette, wieder alles ausbaden. Impf Dich halt, kommt dann lakonisch. Aber was, wenn ich als Teenager nicht sicher bin? Was, wenn ich nicht will? Was, wenn mir das komisch vorkommt, dass Tausende feiern gehen, ohne Abstand und Masken, ich aber immer noch mit Maulkorb im Klassenzimmer sitze? Wählen darf ich unter 18 nicht, aber eine so schwerwiegende Entscheidung wird mir aufgezwängt?


Fürs Klima auf die Strasse zu gehen, ist ehrenwert. Jetzt eine Haltung zu haben, erfordert wirklich Mut. Denn dieser Lockdown ist einer, der nur einen Teil der Kinder betrifft. Der andere zeigt mit dem Finger. Hättste halt! Tja, das kommt davon. Dieser Lockdown ist viel hässlicher, denn jetzt ziehen wir nicht mehr alle an einem Strang. Es gibt Gute und Böse. Mein Kind ist plötzlich einer von den Bösen? Der das Beste für seine Mitmenschen will, der keinen gefährdet, der bei Tests, Masken und Maßnahmen brav mitzieht, obwohl er bei Wetten Dass...? Tausende im Saal sieht, im vollen Stadion, in das er selbst nicht darf, sein ungeimpfter Lieblingsspieler aber schon? Und keiner findet das komisch? Wie schäbig sind wir geworden?


Wir sind erwachsen und können selbst entscheiden. Aber was mit unseren Kindern passiert, ist ein Verbrechen. Erst keine Schule, dann Diskriminierung und Ausgrenzung. Wo stehen wir als Gesellschaft, wenn wir Teenagern diese Situation zumuten? Ich bin sicher, keinem Jugendlichen sind die Zahlen, sind die Kranken egal. Die meisten haben sich brav daheim einsperren lassen, um andere zu schützen. Auch da frage ich mich: Wieso waren die nicht alle auf der Straße? Im Sommer, als sich Tausende vor den Bars drängten, um Party zu machen, da hab ich mich gefragt: Wo wart Ihr alle, als der Staat, der Tausende Intensivbetten ab-, statt aufgebaut hat, Euch auf Parkbänken kontrolliert und Euch Strafen aufgebrummt hat? DAS ist ein Grund, auf die Straße zu gehen, nicht Bier.

In Spanien arbeiten die Gerichte all diese Monate jetzt ab - die Leute bekommen ihr Geld zurück.


Wir alle wollen heil aus dieser Pandemie raus. Jeder von uns erlebt gerade, dass Freundschaften, Familien, Arbeitsverhältnisse in die Luft fliegen, weil die Gegensätze nicht mehr vereinbar sind, weil wir nicht vergessen können, wie dieser oder jener sich in den letzten beiden Jahren verhalten hat. Ich hätte es nie für möglich gehalten, aber die Gräben werden bleiben. Wir dreschen auf Philosophen ein, weil sie das tun, was ihr Job ist: Nachdenken. Und wir winken durch, dass ein abservierter, gekränkter Möchtegernsheriff seine Allmachtsphantasien durchsetzt, vielleicht, weil sie ihn und seine Kinder nicht betreffen.


Erwachsene sind mündig und können vieles selbst entscheiden. Kinder sind einfach nur Opfer. Aber eines Tages werden sie wählen, eines Tages werden sie aktiv werden. Sie werden auf Versöhnung statt Spaltung setzen, auf Diskurs statt Diskriminierung. Und ich hoffe, dass sie es besser machen als wir jetzt.