• Anna Gelbert

Eltern, seid ungehorsam!


Heute früh habe ich beim Basteln eines Klopapierrollenmännchens die Krise bekommen. Es ist nicht das erste Kunstprojekt meiner Kinder, das ich nebenher zusammenstümpere. Es ist auch nicht die erste Schulkrise. Es ist aber die letzte.


Ich habe bechlossen: Es reicht


Ich höre auf damit. Wir Eltern sollten das alle. Wir sollten aufhören, das unterste Glied der Pyramide zu sein und alles abzustützen, was darüber bröckelt. Wir sollten aufhören, uns mit der Zukunft unserer Kinder erpressen zu lassen, einer Zukunft, die niemanden außer uns zu jucken scheint. Wir sollten aufhören, Jesus-Bilder zu malen, Arbeitsblätter mit halbschriftlicher Addition auf Teams hochzuladen und im Hintergrund Ratschläge ins Morgenmeeting unserer Kinder zu rufen. Wir sollten aufhören, uns einen Wecker zu stellen, damit die Kinder um 8 Uhr gefrühstückt und gekämmt beim Kammerspiel "Wir imitieren Alltag" mitwirken, um sich ab 11 Uhr zu langweilen. Wir sollten aufhören, Nachhilfe zu bezahlen, die den Job der Schulen übernimmt. Wir sollten Mut zur Lücke haben. Was nicht geht, geht nicht. Punkt. Die vier Französisch-Arbeitsaufträge nicht verstanden? Egal. Wer will das bewerten - und auf welcher Basis?


Der Staat schützt unsere Kinder. Aha. Und wer schützt die Kinder vorm Staat?


Wer es jetzt noch nicht begriffen hat: Dieser Staat gibt offensichtlich einen Dreck auf Euch und Eure Kinder. Er gibt einen Dreck auf seine Lehrkräfte, die in einem Guerilla-Krieg aus Last-Minute-Ansagen und Test-Heckenschützenkrieg ums Überleben kämpfen. Dieser Staat gibt einen Dreck auf Teenager, die in Scharen in die Psychiatrien laufen, so, als läge der Fehler bei ihnen - und nicht bei einem System aus Verbieten, Blockieren, Abstrafen.


Wir haben alle Long Tagesschau


Die Leidtragenden sind, das ist bekannt, nicht nur Einzelhandel und Gastronomie. Es sind vor allem Eltern, die mit irren und wirren Zahlen bombardiert werden. Mit absurden Werten, von denen die Bildung einer ganzen Generation abhängt. Wir reiben uns auf zwischen panischen, vereinsamten Großeltern - kennt Ihr den Hashtag #longtagesschau, der den fortwährenden Zustand der German Angst beschreibt - die uns nicht sehen dürfen und nicht helfen können - und unseren Kindern. Die Leidtragenden sind die Kleinsten, die sich immer mehr von ihrem alten Leben entkoppeln. Die kaum Freunde sehen, auf Sport verzichten und zu übergewichtigen, gebückten Kreaturen werden - anstatt frei und mutig ins Leben zu stürmen. Die sich das Lügen angewöhnen - so wie alle: Das waren nur zwei Haushalte, ich war nur mit dem Hund, klar sehe ich das ein.


Zeit für einen Eltern-Streik


Seit Monaten veranstalte ich mit Münchner Eltern Demos für Bildung. Diverse Medien haben schon berichtet. Es war halt mal eine nette Schlagzeile. In den Talkshows sitzen dann aber wieder die Panik-Prediger. Milde lächelnd sagten mir Bekannte, ich habe ja "meine Rolle gefunden", so, als hätte ich sie je gesucht. Ich hasse diese Rolle. Ich will nicht mehr die zornige Mutter sein. Ich will, dass meine Kinder eine Perspektive haben. Vorsichtig und umsichtig - das versteht sich von selbst. Getestet und - wer's mag - geimpft. Und ich will nicht mehr die Arbeit von Kultusministerien machen, die den Tag damit zubringen, Bullshit-Verordnungen zu formulieren, anstatt sich schnell um Schadensbegrenzung zu bemühen. Was ist mit dem Lehrplan, den Lücken, dem Abi? Was mit Luftfiltern? Was mit ein paar Sätzen zu den jungen Leuten? Einer Entschuldigung? Wer wird eines Tages mit unseren Kinder so solidarisch sein wie sie jetzt mit den Alten?


Wir werden in Seen schwimmen


Ich drehe den Spieß jetzt um. Ich werde nicht mehr alles abpuffern. Ich werde nicht mehr mit Herzrasen und Schlafosigkeit ringen, um allen Ansprüchen gerecht zu werden. Ich werde meinem Sohn und meiner Tochter freistellen, wie viele der Arbeitsaufträge sie erledigen. Wir werden - wir müssen - einen Gang runterschalten. Wir werden den Sommer genießen und in Seen schwimmen, egal, wieviele Schwimmbäder sie schließen. Fakt ist: Es ist für Eltern (meist für Frauen) schlicht unmöglich, den ganzen Tag konzentriert zu arbeiten, wenn Kinder Zuwendung, Nachhilfe und Essen brauchen. Und: Es ist für Schülerinnen und Schüler schlicht unmöglich, sich das Wissen daheim anzueignen. Es ist für Studierende unmöglich, auf diese Art ein Studium zu beenden.


Es wird Zeit, dass wir Eltern aufwachen


Wir sind keine Querdenker, wenn wir feststellen: Die Politik will offenbar nichts Gutes für die nächsten Generationen. Sie nimmt in Kauf, dass Kinder und Eltern ans Limit kommen, weil sie nicht in Kauf nehmen will, dass ein gefährliches Virus gekommen ist, um zu bleiben. Weil sie ein Jahr lang versäumt hat, uns mit Impfen und Testen zu schützen. Weil sie bis in unser Wohnzimmer hinein Gehorsam verlangt. Weil sie Menschen diffamiert, die die Rechte ihrer Kleinen gewahrt sehen wollen. Weil sie kinderlose Clowns vor die Presse stellt, die nicht mal mehr so tun, als interessiere sie, wie es Familien in diesem Land geht. Die uns erpressen mit der Gegenfrage: Wollt Ihr etwa, dass Menschen sterben? Nein. Das will niemand. Aber wir wollen, dass unsere Kinder lernen, von mir aus mit Unterricht im Park. Dass ihnen jemand Mut zuspricht, Türen öffnet. Dass es vorwärts geht.

Wir machen schon viel zu lange die Jobs für alle mit.


Wären wir, die Bürgerinnen und Bürger, allesamt Kinder - das Jugendamt hätte uns längst rausgeholt.