• Anna Gelbert

Ehrenfrau sucht Spaß und Sinn



Puh. Jetzt also 48.

Seit Jahren schreibe ich statt eines Dankeschöns einen Post. Ich sage Danke für all die lieben, oft persönlichen, tollen Worte Glückwünsche auf Insta, Facebook, LinkedIN, WhatsApp, SMS, Mail und DHL. Irre, wieviele Beziehungen wir alle im Laufe der Jahrzehnte aufgebaut haben. Irre schön. Erst neulich habe ich mit einer Freundin unter Lachkrämpfen einen ganzen Abend durchgegoogelt: Ex-Lover - und, wie sie heute aussehen. Unser Leben ist ein fein- und weitverzweigtes Geflecht geworden. Irgendwo mittendrin krabbeln wir und hoffen auf Erleuchtung: Was ist der Sinn von alledem - und können wir bitte unterwegs so viel Spaß wie möglich haben und so viel Gutes wie möglich schaffen?

Kann ich eine Veränderung feststellen? Yep: Ich sehe von Jahr zu Jahr älter aus und werde doch immer kindischer. Mein Geburtstag ist mir heilig: Der einzige Tag, an dem es nur um mich gehen darf und muss. Also lasse ich mich hemmungslos feiern und beschenken, trinke glückselig Sympathiebekundungen, gute Wünsche fürs neue Jahr - und gerne was mit Blubber.

Mein Tag war Bombe: Ich habe frühmorgens die Haare meiner Tochter geküsst, die in meinem Arm nochmal einschlief, den Airpod meines Sohnes aus dem Abfluss gerettet, bin durch die Wohnung getanzt, habe voller Stolz den ersten Entwurf meines ersten Buches in Händen gehalten, mir von mürrischen Vietnamesen die Füße pediküren lassen, war einen Kilometer im leeren Freibad schwimmen und habe bis in die Nacht hinein beim Hipster-Griechen alle, alle Menschen gesehen, die mir wichtig sind. Ich hätte durchheulen können vor Glück - und das in diesem seltsamen, verbogenen Jahr 2020. Einem Jahr, in dem wir alle wochenlang schockstarr zu Hause saßen - so wie unsere Meerschweinchen manchmal zitternd stillhalten, wenn sie in Todesangst abwarten, wohin wir sie tragen (dabei ist es immer derselbe Ablauf: Morgens raus, abends rein. Aber das haben sie noch nicht gecheckt). Es ist das Jahr der Widersprüche: Ein Jahr, in dem wir Kultusminister verfluchen und uns auf die Schule freuen, in dem wir uns in Calls fragen, warum manche Kollegen sich schön kleiden, aber hässlich wohnen, in dem wir Urlaubspläne schmieden, bereit, sie sofort wieder zu verwerfen, in dem wir Kilos abtrainieren, die wir uns draufgekocht haben, in dem wir mit Mundschutz in krachvolle Restaurants gehen. 365 Tage im Krebsgang: einen Schritt vor, zwei zurück. Seitliches Trippeln statt beherzt drauflos. Mal sehen, was noch alles kommt. Wir sind flexibel geworden, dehnbar in alle Richtungen.

Ich bin Sternzeichen Krebs, ich kann das.


Vielleicht fühle ich mich deswegen so seltsam wohl in diesem beschädigten Jahr. Weil es Resilienz fordert, schnelles Anpassen an neue Gegebenheiten, Kampfbereitschaft und das Wissen: Nichts bleibt, nicht mal Geld. Gestern noch Fleisch- und Fußballmagnat, morgen moralischer Schlachtabfall. Gestern noch DAX-König, heute Staatshilfen-Bettler. Der große Vorteil mit 48: Du weißt, es geht weiter, immer weiter - bis es eben irgendwann nicht mehr geht. Mein Gesicht weiß das auch. Nicht umsonst habe ich Unmengen an Ampullen, Seren und Cremes geschenkt bekommen. Weil ich Kosmetik liebe und glaube: Von außen schmieren hilft immer, wenn drinnen Krieg herrscht. Lippenstift drauf und auf in die Schlacht.


Meine beiden größten Geschenke sind übrigens blond, tragen teure Verpackung, standen schon manchmal kurz vor dem Umtausch und sind doch unbezahlbar. Sie dissen mich wegen meines Alters (hey Leute, das gab's früher nicht!) und zeigen mir doch jede Minute, dass ich möglichst nochmal dieselbe Zeitspanne drauflegen soll.

Ich werd's probieren!












© 2017 by Anna Gelbert © 2017 Photos by Schoko-Auge

  • Facebook - Weiß, Kreis,
  • Instagram - Weiß Kreis
  • Tripadvisor - Weiß, Kreis,
  • Pinterest - Weiß, Kreis,
  • LinkedIn - Weiß, Kreis,