• Anna Gelbert

Dornröschens Wake-up-call: So werden wir alle zu Krisengewinnern

Aktualisiert: Jan 30



Im Grimm-Märchen Dornröschen ist der spannendste Moment für mich immer: Nein, nicht der Kuss, als sie nach 100 Jahren Schlaf mit Mundgeruch und in den ollen Klamotten von 1812 erwacht, sondern: Als das Schloss mitsamt Personal in einen tiefen Schlummer fällt. In eine kollektive Narkose. Die Fliegen an der Wand, die Tauben auf dem Dach, die Königin, der König, sogar der Koch, der seinem Gehilfen gerade eine Maulschelle verpasst.

Für viele von uns fühlt sich der Januar 2021 genauso an: Merkel, Spahn, Lauterbach, Illner. Alles auf Freeze, wie ein abgestürzter Bildschirm im Video-Call – während draußen die Dornenhecken immer höher wachsen und das Chateau Stillstand zuwuchert.


Alles neu in 2021


In Wirklichkeit wuchern nur wir zu (zumindest diejenigen, die sich den Friseur nicht nach Hause bestellen) – und gar nichts steht still. Kein schöner Prinz wird sich mit dem Schwert einen Weg durch die Hecke säbeln und uns alle befreien. Nein, von außen passiert erschreckend wenig. Innen dafür umso mehr: Still und leise schaffen die meisten von uns gerade etwas ganz Neues, Bahnbrechendes, das weit übers Jahr 2021 Bestand haben könnte. Ich spiele mal Jahreshoroskop: Während wir alle unter Auflagen und Vorwürfen ächzen, wachsen ganz neue Knospen. Während äußerlich Stille herrscht, tut sich innerlich eine ganze Menge – und das wird sich bald auch zeigen. Einige möbeln ihr Zuhause auf, andere werden nach der Krise eine Beziehung beenden, die jetzt, zwischen Homeschooling und Lagerkoller, ganz offen vor sich hin schimmelt. Wieder andere werden politisch aktiv, kaufen chinesische Aktien, lassen sich Beauty-Eingriffe machen oder peilen – gezwungenermaßen oder freiwillig – einen neuen Job an. Selbst zwischen Netflix-Orgien und Take-Away-Essen ist Platz für den Gedanken: Wie geht's danach eigentlich für mich weiter?


Kraft fürs nächste Kapitel


Die Plattentektonik unseres Lebens verschiebt sich gerade knirschend und nachhaltig. Obwohl wir alle so wenig tun wie lange nicht, sind wir müde wie noch nie. Schlafen kann trotzdem kaum jemand. Ich behaupte: Weil ein neues Kapitel beginnt. Nicht wie bei einem Buch, dessen Seiten man leise umblättert, sondern BÄM, weil der Schinken plötzlich aus dem Bett gefallen und auf Seite 278/79 liegengeblieben ist – zwischen den Wollmäusen auf dem Boden und mit einem hässlichen Eselsohr. Für diejenigen, die nicht mehr lesen: Das ist, als wäre Bridgerton in Folge 2 stehengeblieben, aber nicht bei einer Sexszene.


Schrumpf-Silvester


Schon dieses seltsame Schrumpf-Silvester war ein Zeichen dafür, dass 2021 besonders werden wird. Nicht nur ich, auch viele meiner Freunde haben im Mini-Rahmen gefeiert – und dafür umso heftiger. Es war keiner diese Abende, die man im Paillettenkleid gähnend übersteht, um auf einer Champagnerwelle ins neue Jahr zu surfen. Nein: Die Leute haben eingesperrt in ihren Wohnzimmern, getanzt, als gäbe es kein Morgen, barfuß, mit ihren Kindern und Nachbarn, nicht die Vorsicht, aber alle guten Vorsätze in den Wind schießend, weil - planen kann man ja eh nichts. Seltsam, einsam - magisch.


Fragen kann man ja


Und jetzt, einen Monat später, stehen wir alle müde und mürbe vor immer neuen Fragen: Aushalten oder aktiv werden? Diskutieren oder durchwinken? Gehen oder bleiben (gilt für Job ebenso wie für Privatleben)? Streeck oder Wieler? Abnehmen oder Gehenlassen? Gehorchen oder Widerstand? Dry January oder Gönndir? #zerocovid oder #Merkelquaeltkinder? Ich glaube: Allein die Tatsache, dass wir uns gerade so viel fragen, ist schon der Startschuss für Veränderung.

Noch nie wurden so viele Zeitungsartikel hin- und her gewhatsapped (vielleicht auch getelegrammed), noch nie so viel diskutiert - zumindest nicht in meiner Lebenszeit.

Plötzlich laufen die Begegnungen mit Freunden und Bekannten unter anderen Vorzeichen. Früher gab es – zumindest in München – den schnellen Scan: Guter Look? Gute Ausstrahlung? Witzige Type? Heute wird in Sekundenschnelle gecheckt: Einer von uns? Einer vom anderen Lager?


Zeit für Ego-Trips


Dabei ist völlig wurscht, in welche Richtung wir uns bewegen. Hauptsache, es rührt sich was in diesem windstillen Winter. Wir denken gerade alle an die Gemeinschaft. Das ist gut. Aber wir sollten auch an uns selbst denken, an unser persönliches Fortkommen, an unser Potential, an unsere Träume, unsere Ideale. Ob ich das auch tue? Klar: Ich habe Kontakt zu einer - in meinen Augen vernünftigen - Partei aufgenommen, ich schreibe Kurzgeschichten, ich texte schöne TV-Formate, ich navigiere zwei ständig hungrige Kinder schulisch, psychisch und sozial durch die Krise, ich stehe einmal die Woche mit einem wütenden Mütter-Mob vorm Kultusministerium, ich solidarisiere mich mit Lehrkräften, ich meditiere, ich streiche Wände, ich twittere, ich schaue nach vorn. Im Aushalten bin ich ganz schlecht. Machen fällt mir leichter.


Der Aufbruch kündigt sich an


Was kann man jetzt schon sicher sagen? Wir haben im Herbst keine Kanzlerin mehr. Wir stehen in Sachen Pandemie vielleicht ein bisschen besser da. Wir werden unseren Radius wieder erweitern. Soviel zum Außen. Zum Innen: Wir alle werden in den nächsten Monaten viel Neues denken, viel Neues tun und viel Altes bereuen. Na und? Das bedeutet nur: Es regt sich was. Zurück in die Komfort-Zone? Wird’s nicht geben, denn dieses Jahr hat uns alle verändert. Machen wir was draus! Besinnen wir uns auf unser eigenes Potential! Irgendwann ist die Hecke weg, vielleicht ist der gesamte, unfähige Hofstaat abgesetzt, das Schloss erwacht wieder zum Leben - und dann ist zum Glück nichts mehr, wie es mal war.

© 2017 by Anna Gelbert © 2017 Photos by Schoko-Auge

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