• Anna Gelbert

Das Krisus - Woche 10 - Coro- na und?



Lebenwollen schlägt Nichtwissen. Gestern zum ersten Mal wieder draußen beim Eck-Griechen gegastrot. Bei Ouzo und Tzatziki darüber sinniert, dass ich dieses simple Gaumen-Glück noch vor Wochen nicht für möglich gehalten hätte. Ich hätte allerdings auch nie für möglich gehalten, dass es im Jahr 2020 etwas geben würde, worüber so viele Leute so wenig wissen. Mein Anti-Körpertest: negativ. Der Test einer Bekannten mit ausgewiesener Covid19-Diagnose allerdings auch. Über das Krankheitsbild weiß scheinbar niemand mehr Genaues. Jeden Tag kommen neue Symptome dazu. Am Ende wird es einfach Glück sein, wenn wir unbeschadet durchkommen.


Meine Erkenntnisse der Woche:


1)

Was gerade im Bildungswesen passiert, ist ein Verbrechen an Kindern. Überall sonst würde man das Jugendamt rufen. Hier wird die Vernachlässigung von oberster Stelle angeordnet. Weil: niemand etwas weiß. Übertragen Kinder das Virus? Und falls ja - Risiko eingehen oder abschreiben? Aussitzen ist nicht. Die Kleinen treffen sich ohnehin zu Hunderten auf dem Spielplatz. Das Schuljahr ist gelaufen. Aber wie geht's im September weiter?

2)

In meiner Schulzeit haben wir an schönen Tagen manchmal spontan Draußen-Unterricht gemacht: Hefte einpacken und ab auf eine Wiese am Neckar. Es war herrlich, an der frischen Luft im Kreis zu sitzen - und kein bisschen Konzentrations-abträglich. Wieso nicht auf Parks ausweichen? Fresh Air gegen Aerosole.

3)

Mein Sohn kennt den Film „The Big Lebowski“ nicht. Aber er hängt mittlerweile bis nachmittags im Morgenmantel rum - und ähnelt immer mehr dem „Dude“ Jeff Bridges. Der Bademantel als Sinnbild für die Krise. Ich verstehe ihn: Wofür anziehen? Wofür Aufgaben erledigen? Die Lehrer sind irgendwo auf der Hirn-Festplatte unter „Kannte ich mal“ abgespeichert. Aufträge wie "Lernt eigenständig den Subjonctif" werden nur noch zur Kenntnis genommen. Yo, machen wir bei Gelegenheit. Die Kleinen trifft es härter. Im noch jungen Leben meiner Tochter sind drei Monate eine verdammt lange Zeitspanne. Die Kinder werden uns eines Tages fragen: Wieso hatte ich eigentlich diese lange Schul-Pause? Und wir werden antworten: Weil niemand etwas wusste.

4)

Wann kommt die Prämie für Eltern? Nicht so ein Erst-nach-dem-vierten-Monat-und-nur-für-Menschen-die-an-ungeraden-Tagen-Geburtstag-haben-Geldchen, sondern echte, handfeste Kohle aus einem der Olaf-Scholz-Töpfe für das, was wir seit Monaten leisten. Unter dem Hashtag #CoronaElternrechnenab bekriegen sich im Netz Mütter, Väter und Trolle. Zu denken gibt mir eine kinderlose Kollegin, die ich sehr schätze: Wir Familien sollten weniger rumheulen, meint sie. Netflix im Kinderzimmer und trotzdem alle mimimi. Jammern wir zu viel? Oder ist es ungerecht, wenn eine selbständige Nageldesignerin Staatshilfe bekommt - Eltern aber nicht?

5)

Ich hab mit Drosten Schluss gemacht. Erst wollte gefühlt das halbe Land ein Kind von ihm - oder zumindest einen Termin bei seinem Friseur. Jetzt muss ich den gefeierten Podcast immer öfter aus Ungeduld stoppen. Eine Dreiviertelstunde Hm-da-muss-man-jetzt-mal-die-Studie-abwarten-das-kann-man-soooo-jetzt-noch-gar-nicht-sagen. Ich flipp aus. Auch Drostens Viro-Kollegen haben an Charme eingebüßt. Langsam dämmert vielen: Einige dieser Typen werden nach Corona wieder ins Labor schlurfen und auf die Frage „wie war Dein Tag, Schatz?“ nicht mehr antworten: „Gut. Ich war mit der Merkel und ihren Leuten essen und hab dann noch eine aufsehenerregende Studie veröffentlicht“. Nein, sie werden, Lupinen-Brotaufstrich malmend, Unverständliches murmeln und wieder für Jahre hinterm Rechner verschwinden. Und Dir würde klar werden: Du hast einen Nerd geheiratet, dessen große Stunde vorbei ist.

6)

Dafür ist die große Stunde der Aluhut-Aufbegehrer. Jeden tag schmort jemandem öffentlich eine Sicherung durch. Nicht, dass ich ihren Zorn, ihre Ungeduld, ihre Angst nicht in Teilen verstehen könnte. Aber TV-Stars, die vor aller Augen in eine Psychose abdriften - das ist schon schmerzhaft mitanzusehen.

7)

Endlich Mindestabstand im Freibad! Falls, die Schwimmbäder wieder öffnen, wird fortan uniformierte Security darüber wachen, dass kein tätowierter Speckrücken sein Kühltaschen-Revier einen Zentimeter nebenan aufschlägt.

8)

Heute ist Vatertag. Glückwunsch an alle Dads! Nicht einfach, in diesen Tagen Vater zu sein. Wie man's macht, ist es verkehrt. Dranbleiben!

9)

Im Sommer doch nach Italien ans Meer?

10)

Das Virus ist da, und es wird bleiben. Es hat viel Leid gebracht. Und wir? Bleiben wachsam. Aber furchtsam und einsam - das ist vorbei.









© 2017 by Anna Gelbert © 2017 Photos by Schoko-Auge

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