• Anna Gelbert

Das Krisus - Der Spalter-Sommer 2020



Geht's schon wieder los? Sind wir wieder soweit?

Wir sind soweit, sonst könnte ich den Artikel ja nicht schreiben.

Zweite Welle – oder Schnauze voll? Unser Leben ist gespalten. Alles hat plötzlich nur noch zwei Seiten: Isso und Echt jetzt?

Prepper contra Party: In den Läden stehen sie jetzt plötzlich wieder, die XL-Paletten Toilettenpapier, die Regale voller Desinfektionsmittel. Diesmal scheint man noch besser auf Engpässe vorbereitet sein zu wollen. Auch die Screens sind wieder da, die anzeigen, ob man noch reindarf. Wenn man wieder rauskommt, kann man sofort ohne Maske mit Hunderten im Biergarten feiern gehen. Sitz-ophrenie.

Es gibt kein Virus! Behaupten erstaunlich viele kluge Köpfe im Freundeskreis. Sie schicken verschwurbelte Videos von Kongressabgeordneten, Ärzten mit einem halben Dutzend Titeln, schwadronieren von neuer Weltordnung - und immer noch von einer Grippe. Sie frohlocken, wenn die Videos von youtube gelöscht werden, nicht, weil sie eine vermeintliche Wahrheit aussprechen, sondern, weil solcher Bullshit Tausende verunsichert. Dabei legen sie den Fanatismus religiöser Eiferer an den Tag. Sie sind die Erleuchteten. Und, wenn wir, die zwangsgeimpften Lemminge, einer Tages hinter diese Volks-Verarsche kommen, dann ist es schon zu spät.

Das ist erst der Anfang, orakeln die anderen. Das geht jetzt erst alles richtig los. Warte mal bis zum Herbst. Wenn sich das Virus bei seiner Lieblingstemperatur von 10 Grad wieder austoben kann. Sie sind immer noch hyperängstlich, treffen kaum Freunde, wollen bis 2022 nicht mehr ins Büro und schütteln den ganzen Tag den maskierten Kopf über ihre rücksichtslosen Mitmenschen.

Holiday contra soll-i-day? Die einen stornieren den Urlaub und hamstern Reservierungen fürs Freibad: Der QR-Code für Schwimmbäder ist der begehrteste Artikel im Schizo-Sommer 2020.

Die anderen fliegen wieder nach Malle und Ibiza und vertrauen Luft-Absauge-Versprechen der Airlines. Früher galt das Meer-Mantra: Nix wie weg. Heute: Was, wenn? (die Grenzen schließen, ich im Urlaub krank werde, ich einen Test brauche, ich danach in Quarantäne muss, mein Hotel schließt, ich vorher schon auschecke vor Angst.)

Apropos: Der frühere Chef meines Arbeitgebersenders ist plötzlich tot umgefallen. Wir hatten alle fast vergessen: Es gibt auch noch andere Arten, zu sterben.

Grantler contra Nächstenliebe (nicht wie bei Tinder: Nächstbestenliebe). Die Menschen sind wieder unfreundlich. Für MünchenerInnen ein Zeichen: Gottseidank, alles wieder normal. Zusammen überlebt und trotzdem nix gelernt. Gleichzeitig flackert hier und da der Spirit of Spring 2020 auf. Wie gestern, als ich auf der Leopoldstraße meine verlorene Brieftasche suchte. Den Tränen nah, weil, alles drin. Da sprach mich diese ältere Dame an: Sind Sie Anna? Gerade wollte sie sich in die U-Bahn setzen, um ihn mir zu bringen. Nach Hause! Gerührt fiel ich ihr um den Hals. Freundlichkeit schlägt Angst.

Selbst das Wetter hat nur bi-polare Luft im Angebot: Dauerregen contra Affenhitze.

Ferien-Freude contra Schul-Sorgen: Die Kinder haben ein Jahr geschenkt bekommen. Rücke vor über LOS, ziehe ein Zeugnis ein. Alles, was Du dafür tun musst, ist würfeln. Das nächste Jahr wird – glaubt man befreundeten Lehrkräften - genauso lax. Eine Ereigniskarte kenne ich aber schon: Sollten wir im Herbst wieder hier sitzen, Homeschooling machen und dafür eine Mitleidsprämie bekommen, geh ich auf die Straße. Nirgendwo ist die Krise so lausig, so dezentral, so überbürokratisiert gemanagt worden wie im Bildungs-Bereich. Ich schwöre, ich stelle eine Demo auf die Beine. Ich werde die Mutti-La-Hildmann der Empörten, die Bildungs-Bulldozerin. Bei der Jahresabschluss-Feier einer Freundin durfte der Schulchor nur summen statt singen. Noch Fragen?

Es geht überhaupt nur noch um Haftung – und nicht mehr um Gesundheit. Das geheuchelte Interesse an meinem Wohlbefinden können sich viele Einrichtungen sparen. Ihre Angst, für eine Infektion in ihrem Etablissement verklagt zu werden, springt überdeutlich aus jeder Vorschrift. Bei so vielen juristischen Grauzonen reiben sich graue Juristen jetzt schon die Hände. Das wird ein Klage-Herbst. Überlebt, und jetzt – wen krieg ich dran?

Meine persönlichen Daten liegen mittlerweile in Restaurants in ganz München. Allein mit den Besuchen der vergangenen Wochen hab ich alles wieder nachgeholt, was ich in den Monaten zwischen Supermarkt und Superköchin verpasst habe. Angerufen hat noch niemand.

Warum ich diesen Blogpost nachts um 3:04 schreibe? Weil ich spätabends noch Espresso getrunken habe – ein lustvoller, immer wiederkehrender Fehler. Nächste Woche geht’s nach Südfrankreich. Mit dem Auto. In ein Haus. Ob ohne Amis, Russen, Chinesen, Scheichs überhaupt was los ist da unten? Wir werden sehen.

Bleibt gesund – und dreht nicht durch!

© 2017 by Anna Gelbert © 2017 Photos by Schoko-Auge

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