• Anna Gelbert

Corona-Nights - Bis zum Sorgengrauen



Schlaft Ihr zurzeit auch so schlecht?

Mit Insomnia habe ich mein Leben lang immer mal wieder zu kämpfen.

Aber diese hier ist neu und von ganz anderer Qualität. Eine unglückliche Verkettung falscher Reaktionen auf eine ganz und gar falsche Gesamtsituation:

Zwischen 2 und 3 Uhr morgens wache ich auf und wünsche mich schnell zurück in meinen Alptraum. Denn das, was da draußen wartet, ist noch viel schlimmer. Früher schreckte man schweißgebadet hoch, weil in der traumreichen R.E.M.(Rapid-Eye-Movement)-Phase irgendwelche Mörder hinter einem her waren oder oder die Kinder im Kaufhaus verloren gingen. Dann machte man das Licht an, las ein paar Seiten in einem Schundroman, und gut.


Heute bescheint das blaue LED-Licht mein entsetztes Edward-Munch-Gesicht beim Doomscrolling. Dieser Begriff ist mir mal morgens um 3.27 vors Auge gerutscht: Das zwanghafte Lesen von Schreckensnachrichten. Diese ganze schräge, verrutschte Welt ist so tief in mein Bewusstsein eingedrungen, dass Impf-Engpässe und Brillenmännlein mit düsteren Drohungen zum Setting für meine Träume geworden sind. The new normal.

Wenn Ausgangssperren herrschen, beschleichen mich zudem Klaustrophobie und Zorn über einen übergriffigen Staat, der sich tief in meine persönlichen Belange einmischt. Nicht, dass ich um 23 Uhr noch draußen herumspringen müsste. Aber ich würde gern können, wenn ich wollte. Und ich werde es auch tun, wenn ich nicht darf.

Ich kenne sie schon, die Nachtgeräusche in meiner Straße. Die Müllautos und Straßenkehrer um 7, die Betrunkenen um 3, die Kleinkinder um 2, die Hundebesitzer mit Raucherhusten um 6, die entfernte Trambahn ab 5. Sie alle sind mein Kompass und Taktgeber für die langen, dunklen Stunden geworden.

Ich habe alles probiert: Sport, Beruhigungstee, Rotwein, Tagebuchschreiben, Podcasts, sogar Fenistil (Kracher!). Aber alles funktioniert nur bis drei Uhr morgens. Dann ist der Ofen aus, oder eher an. Sollte ich vielleicht Bäckerin werden oder Morning Man im Radio (gibt's auch Morning Women)?

Weil ich aber anpassungsfähig bin, habe ich die Krise mit diesen Mitteln in den Griff bekommen:

1) akzeptieren, dass es so ist. Nicht rumärgern und den Blutdruck hochjagen.

2) produktiv werden: schreiben, aufräumen, bügeln, duschen, irgendwas von der To-Do-Liste abarbeiten. Das alles macht wieder müde und stoppt den Gedanken-Autoscooter.

3) seichte Bücher lesen. Keine Handlung, die schwerer verdaulich ist als Leberkäsjunkie oder Krautwickerlmord. Spoilerzwang: Die letzte Seite zuerst überfliegen. Happy End? dann her damit. Alle tot zum Schluss? Weglegen bis nächstes Jahr!

4) Nicht. Ins. Handy. Schauen. Schon gar nicht Affekt-twittern oder What's Apps beantworten.

5) meditieren. Am besten mit ASMR-Videos auf youtube. Klingt creepy. Die sanften Stimmen tragen Euch aber behutsam zurück ins Sum-Sum-Land.

6) Später ins Bett gehen.

7) Gleichgsinnte suchen. Wie oft habe ich am nächsten Morgen gehört "Hättest Du mich doch angerufen, ich war auch von zwei bis vier wach!" Es sind magische Momente, wenn zwei Leute am Telefon wispern, bis sie müde genug sind, um weiterzuschlummern.

8) Die Schlaflosigkeit als Pause in der Nacht sehen, nicht als Ende. Wieder hinlegen, sich über zwei besondere Stunden freuen. Weiterdösen. Dank Home-Office und Homeschooling haben morgens alle ein kleines bisschen Zeit dazugewonnen. Nutzen wir sie.


Sicher ist: Es werden bessere Tage und Nächte kommen. Und sicher ist auch: Ich freue mich jetzt schon wieder auf meine harmlosen Alpträume.