• Anna Gelbert

Das Krisus - Woche 6 - Es reicht! Aber reicht das?


Während ich das hier schreibe, prasseln Lehrer-Nachrichten auf mich ein: Im Spam, im Job-Account, auf einem dieser Systeme, die nie funktionieren. Heute geht die digitale Hölle weiter: Home-Schooling. Es ist, als wären wir alle auf Hafturlaub gewesen. Jetzt ist er vorbei. Für wie lange? Kann wieder niemand so richtig sagen. Wer braucht zwei Wochen Pfingstferien und sechs Wochen Sommerferien, wenn doch nur alle eins wollen: Endlich wieder Normalität? In Urlaub fährt ohnehin niemand. Während die ersten Abiturienten heute wieder in die Klassenzimmer dürfen (bin gespannt, wann warmes Wasser und Seife an deutschen Schulen eingeführt werden), haben alle anderen einen Horror vor dem, was jetzt wieder kommt: Lehr-Aufträge im Minutentakt. Hektisch werden Drucker bei Amazon bestellt. Hefte können in Schulhöfen und auf Türschwellen abgeholt werden. Der Job ist endgültig in die Hände von uns Eltern übergegangen. Mailt uns doch einfach den Lehrplan, wir rocken das schon!

Meine Erkenntnisse aus dem Logbuch/Pandemie/erste Welle/Woche 6: Alle sind gesund. Nur von Freunden von Kollegen von Verwandten von Bekannten dritten Grades hört man immer, das "sie es schon hatten". In meinem direkten Umfeld: Nada.

1) Niemand kann überhaupt etwas sagen. Schon gar nicht die Leopoldina, von der ich das allererste Mal höre (und, in der laut Twitter mehr Menschen namens Thomas sitzen als Frauen. Wollt ihr uns ernsthaft was über Kinderbetreuung erzählen?). Ist man nach einer Ansteckung immun? Kann das Virus beim Laufen, Atmen, Sprechen übertragen werden? Das wäre schlecht für alle, die mit mir leben. Denn ich spreche eigentlich immer. Soll man nun in die Klinik, wenn was ist? Und sind die Kliniken jetzt überfüllt oder unterbelegt? Das neue Virus heißt "Disaster Fatigue" und bezeichnet das Gefühl, jetzt genug von der Alarm-Stimmung zu haben.

2) Föderalismus hat noch nie so chaotisch gewirkt. In Schleswig-Holstein dürfen Leute Dinge, die in Bayern 5000 Euro kosten.

3) Überhaupt Bayern. Schon klar: Hier sind viele Infizierte. Tausende haben in Ischgl geschunkelt, in Süditrol gewedelt, in China Geschäfte gemacht und schwupps, war die Katastrophe da. Aber wie geht's weiter? Ist der Söder eher ein Zöger(er)? Galt der Mann lange als starker Krisen-Manager, nervt er mich jetzt mit seinem Sonderweg. Ist das noch Fürsorge oder schon Bevormundung? An meinem Lieblingsmarkt stehen alle brav Schlange für Rhabarber und Kanzi-Äpfel ("Jumping the queue" ist mittlerweile sogar bei uns verpönt). Immer mehr setzen sich aber mit einem Kaffee zwischen die Buden. Einige haben ihr Bier von zuhause mitgebracht. Manche haben Angst vor dem Virus. Viele einfach nur vor der Polizei.

4) Aus dem Lockdown wird nach dem Lagerkoller immer mehr Locker-Dich: Alle um mich herum treffen wieder andere Leute. Mit Abstand, ohne Umarmung, aber mit der Haltung: Dieses kontrollierte K-risiko gehe ich jetzt ein. Während einige Freunde immer noch nur einmal am Tag zum Einkaufen rausgehen, gehe ich überhaupt nur noch einmal am Tag rein. Ansonsten: Joggen, radeln, Garten vorm Haus, Park. Selbst Teenies, die die letzten Wochen im Schlafanzug-Zocker-Glück verbracht haben, sehnen sich nach Gesellschaft. Langsam geht wieder was. Mit Augenmaß und Vorsicht. Wir sind auch für das seelische Wohl unserer Kinder zuständig. Und die brauchen langsam mal wieder ihre Freunde.

5) Jeder Mann, den ich kenne, hat einen Friseurtermin für den Vormittag des 4. Mai gebucht. Ich erkenne aber auch fast keinen mehr, weil sie alle unter wuchernden Haar-Hecken verschwunden sind.

6) Die neuen Schlangen stehen nicht vor REWE, sondern vor den Restaurants. Alle haben die Kocherei satt.

7) Aber wie lange gibt es diese Restaurants noch? "Bis auf weiteres geschlossen" ist die beschissenste Ansage, die man Gastronomen machen kann. Gebt ihnen ein Datum, eine Bedingung, eine Wenn-Dann-Kombination. Sonst könnt Ihr Euer Bier bald nur noch bei LIDL holen und durch Geister-Innenstädte schleichen.

8) Noch nie waren Hausgemeinschaften so wichtig. Früher lieh man sich ne Tasse Mehl, heute näht man sich gegenseitig Masken.

9) Manche vermissen ihre Jobs. Andere sehen nicht, wie sie auf absehbare Zeit mit lernenden, hungrigen Kindern irgendeinen klaren Gedanken fassen sollen. Das K-Wort steht jetzt überall im Raum. Kurzarbeit. Bei den meisten löst es nur noch Schulterzucken aus. Dann ist es halt so. Für Reisen wird man eh kein Geld mehr brauchen.

10) Die Krise hat mich zur Linken gemacht. Nehmt die Superreichen ran! Payback Time für das St.-Moritz-Charity-Pack. Ihr werdet, nachdem Ihr Euch in Euren Villen verschanzt habt, wieder auf Events jetten (ok, das Aktienportfolio ist geschrumpft) und Euch wieder mit Euren Erben-Geschwistern vor Gericht zoffen. Leider musste Euer Lieblings-Feinkost-Laden schließen, und die Köchin möchte nicht mehr bei Euch arbeiten. Aber Ihr werdet Euch schon zu helfen wissen. Und wir werden nie wieder eines Eurer Produkte kaufen. Konzerne, die sich jetzt ordentlich aufführen, werden noch lange von dem Vetrauen profitieren.

Kennt Ihr das Gefühl von Sommerurlauben als Kind? Wenn das Meer mal besonders wild war, und Ihr Euch in die Wellen gestürzt habt? Diese Wucht, mit der eine Wasserwand über Euch zusammendonnerte? Irgendwann hatte man den Dreh raus, wenn wieder so ein kalter Salzberg heranraste: Tief Luft holen, runter, abwarten. Unter Wasser war es merkwürdig still. Kein Vergleich zu dem Tosen und Krachen da oben. Und jetzt kam der entscheidende Punkt: Wie lange reicht der Atem? Tauchte man zu früh auf, war womöglich schon der nächste Brecher im Anmarsch. Und der konnte Dich vernichten. Aber ewig da unten bleiben? Ging auch nicht. Also den nächsten Kamm abwarten, den Blick nach hinten über die Schulter. Das Gruseln angesichts dieses Anblicks wegdrücken. Dann, als die Welle endlich da war, abspringen und mitsurfen. 20 Meter Euphorie. Dann wieder von vorn. Luftholen, runter, warten, abspringen. Immer wieder. Bis ans rettende Ufer.

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© 2017 by Anna Gelbert © 2017 Photos by Schoko-Auge

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